Schluss mit Verständnis

Die ständigen Versuche, Verständnis für sogenannte „besorgte Bürger“ aufzubringen, wirken auf mich äußerst hilflos. Es steht ja außer Frage, dass Menschen besorgt und wütend sind, wenn sie von Altersarmut oder Arbeitslosigkeit betroffen sind. Steuervergünstigungen bei den Reichen, Kürzungen bei den Armen, Reiche werden reicher, Arme werden ärmer. Nicht neu, sondern nur deutlicher geworden. Gerade verkauft uns eine SPD wieder, dass das Rentenniveau „nicht geringer“ werden soll als „Durchbruch“. Angesichts eines kontinuierlichen Abbaus des Steuerfreibetrages bei Rentnern, ist das eine Frechheit und nur noch lächerlich.

Deutsche Politik hofiert weiter Herrn Erdogan, liefert Waffen in Krisengebiete, schließt die Augen vor Gewaltkriminalität oder relativiert diese. Die Politik wird grundsätzlich als Gegner der Bürger wahrgenommen, Politiker als Individuen, die eher eigene Interessen verfolgen als die der Bürger zu vertreten. Nicht neu, nur deutlicher geworden.

Gerade deshalb, sollte jetzt Schluss sein mit „Verständnis für Besorgte“. Die politischen Zustände bestehen nicht erst seit gestern, gerade in Sachsen mit Personalabbau bei der Polizei, mit nicht mehr nachvollziehbaren Sparmaßnahmen.

Über Jahre hinweg besorgt und wütend zu sein, darf aber nicht als Rechtfertigung dafür dienen, den Tod eines Menschen zum Anlass zu nehmen, um Seite an Seite mit Rechtsradikalen und den Hitlergruß zeigenden Nazis zu marschieren. Es darf nicht als Rechtfertigung dienen, auf Hetze gegen Ausländer mit Applaus zu reagieren.

Die besorgnismachenden Zustände sind nicht neu, Lösungen sind seit Jahren nicht in Sicht. Die Zustände haben eine AfD erstarken lassen, die ebenfalls keine Lösungen bietet, dafür aber Schuldige präsentiert zum Draufhauen, um die Wut zu nähren und Hass zu säen: ein durchschaubares Spiel.

Auch wenn von den ‚Verständigen‘ auf den Rechtsruck in ganz Europa hingewiesen wird, so ist bei uns der Rechtsradikalismus in Sachsen schon lange beheimatet. Innerhalb weniger Stunden waren in Chemnitz organisierte Nazis auf den Straßen. Die AfD konnte süffisant zur „Selbstverteidigung“ aufrufen, bekommt noch eine Plattform in den Medienund kann so wider besseres Wissen behaupten, es hätte in Chemnitz keine Ausländerjagd stattgefunden. Wer sich gegen Rechts wendet, wer Hetze und Manipulation durch AfD und NPD aufzeigt, wird – wie ich das selbst erfahren habe – als linksversifft, als träumender Trottel oder als gefährlicher Linksextremist bezeichnet.

Anschläge auf Asylantenheime, Übergriffe gegen Ausländer gibt es in Sachsen nicht erst seit ein paar Tagen. Szenenkenner in Sachsen berichten auch von regelmäßigen Indiskretionen innerhalb der Polizei und anderen Behörden, von einer Nähe zur AfD und NPD. Polizisten schützten PEGIDA-Demonstranten und behinderten die Arbeit von Journalisten. Ein Haftbefehl mit Angaben zur Person und Zeugen wurde der AfD zugespielt und im Internet verbreitet. Nicht neu, nur deutlicher geworden.

Auch die Bürgerliche Mitte sei besorgt, die Bürgerliche Mitte sei wütend, die Bürgerliche Mitte sei unzufrieden mit der herrschenden Politik, höre und lese ich immer wieder in den Medien. Mag sein. Wer jedoch den Sieg des Kapitalismus dermaßen applaudiert, sollte sich nicht über Krebsgeschwüre wundern, die eine unkontrollierte und ungebändigte, an Profit orientierte Gesellschaftsform hervorzubringen im Stande ist. Das eine erwächst aus dem anderen.

Ich sehe in Sachsen und in anderen Bundesländern wie die Bürgerliche Mitte die Nähe zur AfD und NPD sucht. Aufgeklärte, gebildete Menschen der Bürgerlichen Mitte konnten hören, dass ein Björn Hoecke die ‚deutsche Geschichte um 180 Grad drehen‘ will, dass Gauland Menschen ‚entsorgen‘ will. Ich unterstelle der Bürgerlichen Mitte, dass sie solche rassistischen, faschistoiden Äußerungen erkennen und einschätzen kann. Doch die Bürgerliche Mitte marschierte in Chemnitz mit Nazis und erdreistet sich, dies mit Wut und Besorgnis zu begründen. Ja, nicht alle, aber viel zu viele aus der Bürgerlichen Mitte.

Gerade die Bürgerliche Mitte müsste #aufstehen gegen Rechts, gegen Nazi-Parolen, gegen Rassisten in Landtagen und im Bundestag. Gerade die Bürgerliche Mitte müsste ihre Besorgnis und ihre Wut gegen jene richten, die den Tod eines Menschen zum Anlass nehmen, um ihren Hass gegen Fremde, ihren Rassismus und ihre Nazi-Ideologie mit völkischer Sprache auf die Straße bringen. Gerade die Bürgerliche Mitte müsste Neofaschismus und Rassismus entgegentreten, weil sie genug Bildung besitzt, um dies zu erkennen, weil sie Geschichte in der Schule lernte, weil sie sich den Regeln einer demokratischen Gesellschaft bewusst sein sollte.

Nein, ich möchte kein Verständnis mehr aufbringen für Besorgte oder Wutbürger. Es ist viel zu spät für Verständnis, wenn bereits Rassisten und vom völkischen Gedanken besoffene Abgeordnete in Gemeinderäten, Landtagen und im Bundestag sitzen.

Weshalb ich das schreibe? Weil ich die Fähigkeit habe, mich schriftlich zu artikulieren, weil ich Sprache nutzen kann, um aufzustehen gegen Rechts. Das möchte ich tun, wenn auch in einem begrenzten Rahmen. Andere können singen, malen oder sonstige Formen der Kreativität nutzen, um Rassismus und Neofaschismus aufzuzeigen.

Wer sich gegen Faschismus und Rassismus wendet, wer den ‚besorgten Bürgern‘ ihre Scheinheiligkeit aufzeigt, ist nicht Linksextrem, sondern anständig. Aufstehen gegen Hass und Hetze, ist nicht außergewöhnlich, sondern normal.

Rolf Höge

 

Advertisements

X-Komma-Null-Viereinhalb

X-Komma-Null-Viereinhalb

 

„Ich lebe in vollkommener Harmonie und Reichtum, ich bin Millionär, ich bin Millionär.“

Immer wieder plapperte ich den Satz vor mich hin und betrachtete dabei den Mahnbescheid vor mir. In der linken Hand hielt ich den Bestseller über positives Denken, der mir den Weg in die absolute Wunscherfüllung zeigen sollte, und mit der rechten schob ich mir genervt eine Zigarette zwischen die Lippen. Doch der Bescheid vom Amtsgericht verschwand nicht. Er löste sich einfach nicht auf.

Ich beschloss, etwas tiefer in die esoterische Trickkiste zu greifen, eilte zu meinem Schreibtisch und zog ein Blatt Papier aus dem Drucker. Schnell zeichnete ich in der Mitte eine Gerade und teilte das Blatt so in zwei Hälften auf. Die Gerade stellte nun die Linie für die Gegenwart dar, für das Jetzt! Den Mahnbescheid positionierte ich nun links von der Gegenwart und rechts davon einen Euro, der mir als Symbol für das Geld aus der Zukunft dienen sollte. Nun zentrierte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf diese Gegenwartslinie, bewegte den Mahnbescheid langsam auf sie zu und tat das Gleiche mit dem Euro-Stück, bis beide, Mahnbescheid und Euro, genau im Jetzt aufeinander trafen. Geldsorgen und Geldmittel hatten sich damit vereinigt.

Ich nahm noch einen tiefen Zug aus meiner Zigarette, drückte sie im Ascher aus und schob eine CD mit Entspannungsmusik in meinen Player. Dann legte ich mich auf die Couch im Wohnzimmer. Es ging nun darum, mich und meine Gedanken in die notwendige Geldschwingung zu bringen, damit nach dem Gesetz der gleichen Schwingung das Geld auch zu mir finden konnte. Bei leiser Musik konzentrierte ich mich zunächst auf meinen Atem, spürte in meinen Körper hinein und legte dann meine Hände über die Augen, wie ich es bei meiner Reiki-Einweihung gelernt hatte. Danach kam die zweite Handposition aus dem Reiki und die Hände lagen auf der Schläfe. Weiter ging es zum Hinterkopf, hoch zum Scheitelchakra und dann schrittweise hinunter bis zum Wurzelchakra. Überall in meinen Körper ließ ich die universelle Lebensenergie nach dem System von Dr.Usui fließen. Alles war in Fluss, alles floss, ‚penta rei‘ eben.

Fast wäre ich dabei eingeschlafen, doch das schrille Läuten der Türglocke riss mich aus meinen mentalen Schwingungen: der Gerichtsvollzieher. Er hatte sich angemeldet, schriftlich, durch einen Hinweis im Briefkasten, weil er mich am Vortag nicht zuhause angetroffen hatte. Es ging wieder einmal um nicht bezahlte Strafzettel wegen Falschparkens und wenige Minuten später wechselten rund hundert Euro den Besitzer. Ich war stocksauer, hatte ich doch tatsächlich, wie es dieser Josef mit seinem Buch über die richtige Denkweise geschrieben hatte, den ganzen Tag über nur gute Gedanken gedacht. Und dann so etwas: Mahnbescheid, Gerichtsvollzieher, Geld weg!

Der Herr verließ wenig später meine Wohnung,. nicht ohne mir vorher mitzuteilen, er werde noch weitere Eintreibungen gegen mich vornehmen und bezüglich dieser Angelegenheiten nochmals auf mich zukommen.. Ich eilte zum Telefon und wählte direkt durch.

 

Angenehm drang die freundliche Stimme an mein Ohr „Spirituelle Weltauskunft Sektion Deutschland. Mein Name ist Anita Meyerbrand. Was kann ich für Sie tun?“ „Herbeldinger, Guten Tag! Ich brauche eine Auskunft zum bevorstehenden Weltuntergang. Wann genau findet der nun statt?“

„Ihre Kundennummer bitte zunächst, Herr Herbeldinger.. – Und ihr Spezialgebiet.“

„X-komma-null-viereinhalb. Ich bin hunareikiorientiert mit hermetischem Quertouch.“

Ich hörte wie ihre Finger schnell über die Tastatur huschten und sie meine Daten in ihren PC eingab.

„Herr Georg Herbeldinger, richtig?“

„Richtig!“

„Nun, Herr Herbeldinger, zurzeit liegen uns keine gesicherten Erkenntnisse für dieses Jahr vor. Wir haben zwar hier zwei Channelmeldungen, die allerdings etwas auseinander liegen.“

„Was heißt das?“

„Tja, Anfang Juli dieses Jahres könnte der Weltuntergang eintreten. Dafür stehen allerdings noch keine Transportschiffe für unsere Mitglieder bereit. Der Massenselbstmord ist auch noch nicht eingeplant.“

„Und was ist mit der zweiten Channelmeldung?“

„Nach dieser ist mit einem solchen Ereignis erst in ungefähr zehn Jahren zu rechnen. Wie alt sind Sie, Herr Herbeldinger?“

„Fünfzig!“

„Dann gehören Sie zu unserem ausgewählten Kundenkreis und ich könnte Ihnen ein Angebot von ‚Spirituelle Weltauskunft Sektion Deutschland’ unterbreiten, das wir gerade für Kunden Ihrer Altersklasse konzipiert haben. Wenn Sie noch ein paar Minuten Zeit hätten, Herr Herbeldinger?“

Ich sog hörbar die Luft durch die Nasenflügel.

„Ich möchte jetzt kein Sonderangebot. Mir steht das Wasser bis zum Hals.“

Sie schwieg.

„Bei mir häufen sich die Rechnungen und ich muss dringend wissen, ob ich Wege finden muss, diese zu begleichen, oder ob sich das alles erübrigt wegen des Weltunterganges.“

„Unabhängig davon“, versuchte es Anita Meyerbrand weiter, „schätzen wir uns als ‚Spirituelle Weltauskunft Sektion Deutschland’ glücklich, nun auch den Reinkarnationsverein mit Sitz in Köln zu unseren Mitgliedern zählen zu dürfen. Haben Sie davon schon einmal etwas gehört, Herr Herbeldinger?“

„Nein!“

„Nun, Herr Herbeldinger, der Reinkarnationsverein hat sich angeboten, die Verwaltung des Vermögens unserer Einzelmitglieder bis zu deren Wiederkehr, also bis zu ihrer erneuten Inkarnation, zu verwalten.“

„Ich habe kein Vermögen.“

„Wir bieten Ihnen diesen besonderen Service für nur zwei Euro zusätzlich zu Ihrem jetzigen Mitgliedsbeitrag an.“

„Hören Sie…“

„Ja, ich weiß, Herr Herbeldinger, der Weltuntergang.“

„Genau! Können Sie mir da keine ernsthaften Auskünfte geben?“

„Alles, was wir anbieten ist ernsthaft, Herr Herbeldinger.“

„Deshalb rufe ich Sie ja an.“

„Vielleicht probieren Sie es einmal mit einem Medium. Das ist für Sie kostenlos und wird über Ihren Monatsbeitrag abgedeckt. Wir haben zwei Medien, die jederzeit channeln können. Ohne große Ritualsvorbereitungen.“

„Sind das die zwei mit den unterschiedlichen Meldungen?“

„Nein.“

„Ok, dann verbinden Sie mich.“

Es dauerte eine kleine Weile bis sich nun eine ältere Frauenstimme meldete:

„Sie sprechen mit Uritella vom Schwarzwaldverein Seat Luchs. Womit kann ich dienen?“

„Ich benötige eine sichere Channelbotschaft zum Weltuntergang:“

„Wünschen Sie den Kontakt zu einem bestimmten aufgestiegenen Meister oder zum Heiland selbst?“

„Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“

„Sollten Sie aber“, säuselte Uritella. “Ich habe hier eine ganze Palette von Meistern, die ich channeln kann. Und soviel Zeit steht mir nun auch nicht gerade zur Verfügung. Ich bin gerade mit meinem Badewasser beschäftigt.“

„Mit Ihrem Badewasser?“

„Ja. Ich habe doch die göttliche Botschaft bekommen, Heilwasser zu verkaufen.“

„Was hat das mit Badewasser zu tun?“

„Nach einer göttlichen Rezeptur muss ich mein Badewasser mit der linken Hand im Uhrzeigersinn umrühren. Dabei fließt die gesamte Heilenergie ins Badewasser.“

„Und das ganze lässt sich verkaufen?“

„Selbstverständlich. Ich fülle mein Badewasser in Flaschen ab. Meine Kunden sind äußerst zufrieden.“

„Das käme für mich wahrscheinlich nicht in Frage. Ich bin hunareikiorientiert. Ich bräuchte Informationen zum Weltuntergang. Kann meine Rechnungen nicht bezahlen.“

„Dann schlage ich Ihnen mal Serephinola vor. Der ist leicht zu channeln, bringt die Dinge auf den Punkt und liegt selten daneben.“

„Gut. Fangen wir an.“

„Alles was ich bräuchte, wäre nochmals Ihre Kundenummer. Und danach möchte ich Sie bitten, kurz die Augen zu schließen.“

„X-komma-null-viereinhalb, Herbeldinger.“

Ich schloss die Augen.

„Nun atmen Sie tief in Ihren Bauchraum und lassen Sie sich von Ihrem Unbewussten ein Symbol für Ihre Frage schenken.“

„Eieruhr!“

Kaum hatte ich ihr das Symbol genannt, hörte ich ein leichtes Seufzen am anderen Ende der Leitung, das nach wenigen Sekunden in immer lauter werdendes Stöhnen und Grunzen überging.

„Alles in Ordnung?“ fragte ich leicht besorgt.

Statt einer Antwort hörte ich nur den markdurchdringenden Schrei:

„Serephinola! Serephinola!“

Dann Stille. Ich wartete ungeduldig. Endlich:

„Herr Herbeldinger“, Uritella klang nun wieder ruhig und vertraut. „Die Sache gestaltet sich etwas schwierig. Seriphinola meint, es gäbe konzentrative Hemmnisse in Bezug auf Ihre Frage, da Sie offensichtlich über keinerlei Astralerfahrungen verfügen.“

„Ich bin hunareikiorientiert. Wir arbeiten fast ausschließlich energetisch.“

„Wir haben Astraltraining im Angebot. Natürlich in abgespeckter Form. Das ganze dauert nur wenige Minuten. Danach dürfte einem Kontakt mit Serephinola nichts mehr im Wege stehen.“

’Ich habe keinen blassen Schimmer, was ich nun tun soll’, schoss es mir durch den Kopf. ‚Meine Rechnungen! Meine Ziele! Mein Leben überhaupt!’

„Können Sie mich verbinden?“

„Klar doch!“ Und schon klickte es in der Leitung.

„Out-Of-Body-Experience-Odenwald-Liga. Sie sprechen mit Stephan Monroe. Was kann ich für Sie tun.“

„Ich brauche einen Schnellkurs.“

„Basic?“

„Keine Ahnung.“

„Ok, dann wahrscheinlich Basic. Sind Sie schon einmal mit kosmischen Gesetzmäßigkeiten konfrontiert gewesen?“

„Ständig. Ich habe einen hermetischen Quertouch.“

„Ihre Kundennummer, bitte.“

„X-komma-null-viereinhalb.“

„Herr Hebeldinger. Ich darf Sie bitten, sich während des Schnellkurses ganz genau an meine Anweisungen zu halten. Sie haben Erfahrung im Visualisieren?“

„Selbstverständlich.“ antwortete ich sichtlich genervt.

„Dann visualisieren Sie bitte in folgender Abfolge und nach Möglichkeit ziemlich schnell: Sie sitzen in einem Unterseeboot. Zweitens: Sie befinden sich in einem Raumschiff. Drittens: Sie fliegen losgelöst von allem irdischen über den Mount Blanc. Von links nähert sich Ihnen ein brasilianischer Schmetterling. Winken Sie ihm mit der rechten Hand. – Haben Sie’s?“

„Klar doch.“

„Sehr schön. Nun kommen wir zu Ihrer eigenen Kreation. Es geht darum, dass Sie sich kurzfristig aus Ihrem Körper lösen und sich Ihrem eigenen Reiseziel nähern. Wohin möchten Sie reisen?“

„Dazu fällt mir nichts ein.“

„Dachte ich mir schon.“ meinte Stephan. “Das kommt ziemlich oft vor. Vielleicht habe ich da etwas für Sie.“

Ich hörte das Rascheln von Papier durch den Telefonhörer.

„HEBAB Ltd. in Newcastle, Herr Herbeldinger, ist das derzeit effektivste Reisebüro für Astralreisende, das wir zu äußerst günstigen Konditionen für unsere Mitglieder gewinnen konnten. Die Zusammenarbeit mit HEBAB gestaltet sich sehr angenehm.“

„Was kostet mich das?“

„Der Erstkontakt ist für Sie kostenlos.“

„Gut. Verbinden Sie mich.“

„Hello. This is HEBAB Ltd., Newcastle. We are not available at the moment – Wir sind im Moment nicht erreichbar.“

Die Verbindung wurde abrupt unterbrochen.

 

Ich öffnete das Fenster und atmete die frische Abendluft tief in meine Lungen. Gedankenverloren schaute ich ein paar Minuten in die Weiten des Abendhimmels. Dann wandte ich mich vom Fenster ab.

Mein Blick wanderte wieder hin zum Telefon, das mich so stark in seinen Bann zog.

Ich nahm den Hörer erneut ab und wählte

„Psychiatrisches Zentrum für seelische Gesundheit. Guten Abend. Was können wir für Sie tun?“

„Mein Name ist X-komma-null-viereinhalb. Ich brauche frisches Badewasser. Mein Schmetterling sitzt im U-Boot. Wie weit ist es bis zum Mont Blanc? Schicken Sie mir die Rechnung bitte.“

Es tut gut nun hier zu sein. Ich bekomme regelmäßig Frühstück, Mittagessen und Abendessen. Und jeden zweiten Mittwoch gehe ich vormittags in die Bastelgruppe.

 

(c) Rolf Höge

 

Aus meinem Buch „Freischreiben – manchmal ernst, manchmal heiter“

 

Gestalten Sei doch einmal einen ‚Besonderen Abend‘ für Ihre Gäste oder Freunde mit einer Autorenlesung.  Auf meiner Homepage finden Sie die Informationen dazu.

Auftauchatmen

Nach einem eben überstandenen Herzinfarkt (bereits der zweite) komme ich mit diesem Gedicht, das mir auf dem Krankenbett ‚zugeflogen‘ kam, nach Hause.

 

Im Auftauchatmen

die Seelenlunge füllen

mit Blütenduft

und Vogelgezwitscher

bis der Verstand

wieder auf Sinnsuche geht,

getrennt vom Eigentlichen

als wolle er Jahreszeitenatmen definieren,

denkend, denkend,

denkend,

er spüre

und atmet gar nicht.

 

Rolf Höge

 

 

 

 

 

 

 

Schön, wenn ihr zu mir findet

Nun beginne ich auch auf meiner eigentlichen Homepage zu bloggen.  Manche Leser störte der Blogname ‘Laienautor‘.  Also habe ich beschlossen, zweigleisig zu fahren: ich schreibe sowohl auf dem einen wie auf dem anderen Blog. Was nicht heißen soll, dass die Blogeinträge identisch sein werden. Gerne verweise ich dabei auch auf meinen Ratgeber „Trocken. Was nun? – Wege in eine zufriedene Abstinenz„. Sicherlich können auch Auszüge aus diesem Buch interessant sein und ich werde das in meinen Blogeinträgen berücksichtigen.

Aber hauptsächlich will ich auf  meiner Homepage in unregelmäßigen Abständen mitteilen, was mir so im Kopf herumschwirrt und auf diese Weise meine Gedanken ‚freilassen‘, den Kopf freischreiben von Gedankenflut, von Blitzlichtern im Kopf. Auf die gleiche Weise entstanden meine Lesetexte, die zum Nachdenken anregen dürfen, aber auch das Schmunzeln nicht außer Acht lassen.

Meine freigelassenen Gedanken, niedergeschrieben in Kurzgeschichten, Glossen und Gedichte ermöglichen mir während einer Autorenlesung die Begegnung zum Leser. In meinem Buch „Freischreiben“ habe ich Texte, die so entstanden sind, zusammengetragen und unter der ISBN-10: 3745094352 veröffentlicht.

Da ich in Mannheim geboren bin und perfekt „Monnemerisch“ spreche, sind in „Freischreiben“ auch Gedichte und Prosa in diesem Dialekt zu finden, wie beispielsweise das Gedicht „Vun de Sunn“

Donn gucke mer mol, ob’s hiehaut. (Sehen wir mal, ob es funktioniert). Ich würde mich freuen, wenn ihr den Weg auf meine Homepage finden würdet.

Herzliche Grüße Rolf

 

 

 

 

Ein stinknormaler Tag

Ich habe rasende Kopfschmerzen, als ich aufwache. Meine Lippen sind heiß und aufge­sprungen und ich spüre den Brand im Mund.

Die Nacht, oder besser, die wenigen Stunden, in denen es noch dun­kel war, habe ich auf der Wohnzimmercouch zugebracht. Fürs Bett hat es nicht mehr gereicht nach diesem Rausch.

Ausgeschlafen bin ich nicht. Mein Körper ist müde und erschöpft, aber das Gehirn findet keine Ruhe. Wortfetzen klingen in meinen Oh­ren, Erinnerungen steigen bruchstückhaft auf, wechseln sich ab, ziehen vorbei.  Bilder, Abläufe, Blitzlichter im Kopf: Gedankenflattern, nenne ich das.

Mit der rechten Hand lange ich hinüber zu dem kleinen Glastisch ne­ben der Couch, der immer häufiger als Müll­halde missbraucht wird. Den Rest aus einer Bierflasche schütte ich gie­rig in mich hin­ein.

Irgendwo auf dem Tisch ertaste ich eine Fil­terzigarette. Langsam, mit Rücksicht auf meine Kopfschmerzen, stehe ich auf.

Mir ist speiübel. Kaffee, denke ich, während ich mir die Zigarette an­zün­de.

Aus dem Spülbecken in der Kochnische stiert mich der Abwasch meh­re­re Tage an. Aber mit dem Kopf ist an Abwasch wieder einmal nicht zu denken. Da geht gar nichts!

Zwi­schen ein paar Tellern mit eingetrockne­tem Kartoffelbrei und ver­härteten Nudeln finde ich eine Tasse und spüle sie unter flie­ßen­dem Wasser aus.

Dann setze ich den Kaffee auf. Wenn we­nigstens noch eine Flasche Bier im Hause wäre!

Ich bekomme langsam Magenschmerzen und quäle mich ins Bad. Mir wird sofort schwindelig, als ich mich in die Toilettenschüssel übergebe.

Kalter Schweiß läuft mir über den Nacken. Ich habe Schüttelfrost und zittere wie Espenlaub. Meine Haare glänzen vor Nässe und ich spü­re wieder den altbekannten Druck in der linken Bauchseite un­ter­halb des Rippenbogens.

Während meine flatternden Hände am Waschbecken Halt suchen, zie­he ich mich vor­sichtig hoch.

Rotunterlaufene Augen starren mich aus dem Spiegel an. Ich drehe den Wasserhahn auf, forme meine Hände zu einer Mulde und tau­che das Gesicht in das Wasser, das sich darin sammelt. Es tut gut, wenn die Wangen gekühlt werden!

Weil ich kaum Luft bekomme, atme ich mit geöffnetem Mund, als ich merke, dass sich mein Durchfall wieder meldet. Seit ungefähr zwei Monaten bekomme ich immer häufiger Durch­fall. – Scheiß Le­ber!

Die allmorgendliche Prozedur im Bad dauert fast eine halbe Stunde. Dann schlürfe ich im Wohnzimmer meinen Kaffee, die Tasse mit bei­den Händen fest­hal­tend, zwischen leeren Bierflaschen und auf dem Tisch aus­gedrückten Zigarettenkippen. Mir ist elend heiß!

Ich fange an, aufgeregt in den Taschen mei­ner Jeans zu wühlen. Ges­tern war ich nicht einmal mehr in der Lage, die Hosen auszuzie­hen.

Ich suche nach einer Schmerztablette. Wenn schon kein Bier mehr da ist, dann zumindest eine Schmerztablette. – Ich finde keine!

Doch als ich die Zigarette im Ascher aus­drücken will, sehe ich ne­ben einer zerknüllten Zigarettenpackung etwas Kleines, Rotes liegen: ei­ne X-112.

X-112 ist ein Appetitzügler, den es früher in Tropfenform gab. Heute erhält man die Tropfen nur noch auf Rezept. Die Dragees hin­gegen kann man so kaufen. Ich nehme sie jetzt schon fast zwei Jah­re regelmäßig. Natürlich nicht, weil ich gerne abnehmen möchte, ich habe ja nur noch 57 Kilo, sondern weil sie ganz schön an­turnen.

Man bekommt ein herrliches Kribbeln auf der Kopfhaut und fühlt sich echt gut drauf. Wenn ich ein paar X-112 genommen habe, fan­ge ich an zu reden und zu reden.

Drei bis vier Tabletten, mit einer Cola oder Kaffee genommen, sind ge­ra­de richtig, damit ich fit werde. Und das mehrmals am Tag!

Manchmal könnte ich schreien! Ich komme von dem Zeug nicht mehr los!

Von Fixern wird X-112 manchmal als Ersatz genommen. Sie krat­zen einfach die Lackschicht der Dragees ab, kommen damit an die rei­ne Substanz, lösen diese in Wasser auf und dann wird es gespritzt.

Soll immer noch besser als ein schlechter Schuss sein, hat mir ein Ken­ner gesagt.

Ich schlucke also die einzige Tablette, die ich gefunden habe und trin­ke den restlichen Kaffee aus. Dann ziehe ich meine Stiefel an, ko­misch, dass ich wenigstens die ausgezogen hatte, und verlasse mit drei­ßig Mark, die ich noch besitze, die Wohnung.

Auf der Straße blendet mich die Sonne. Es wird ein heißer Tag wer­den, denke ich. Da wird heute einiges los sein im Park.

Im Park ist ein Kiosk. Da treffen wir uns fast jeden Tag. Wir, das sind fast alle Alkoholiker aus dem Wohngebiet.

Ich glaube, ich bin einer der wenigen von denen, der noch nicht im Knast war und wohl der einzige, der noch seine Arbeit hat. Die möch­te ich auch nicht verlieren. Ich bin froh, dass ich ein paar Tage frei habe, sonst hätte ich mich heute Morgen wieder krankmelden müs­sen, weil ich viel zu spät aufgewacht bin. Und im Betrieb werden die das nicht mehr lange mit­machen.

Aber für den Kiosk ist es noch zu früh. Er öff­net erst mittags und ich brauche j e t z t etwas zu trinken. – Oder zumindest Tabletten.

Ich wohne in der Nähe einer Kaserne. Nicht weit davon ist eine klei­ne Kneipe. ”Zur kleinen Kaserne” heißt sie. Neben Amerikanern ver­keh­ren dort hauptsächlich die Typen aus dem Park. Ich weiß, dass Roland, so heißt der Wirt, um neun Uhr aufmacht. Das ist in ei­ner halben Stunde. Diese Zeit muss ich überbrücken.

Also liegt mein nächster Weg schon fest: die Apotheke ist nur zwei Geh­minuten von meiner Wohnung entfernt.

Dem Apotheker scheint es gleichgültig zu sein, dass ich alle paar Ta­ge X-112 verlange, obwohl ich schmal wie ein Handtuch bin.

Unterwegs geht die übliche Rechnerei los. Dreißig Mark habe ich. Da­von gehen zwanzig weg für die Tabletten und vier Mark für Zi­ga­ret­ten. Mir bleiben also noch sechs Mark. Das reicht gerade für zwei ”Hal­be” Bier, was natür­lich nicht genug ist. Aber wenn der Kiosk heute Mittag öffnet, kann ich bei Anita bestimmt auf Kredit trinken. Sie weiß, dass sie das Geld irgend­wann wiederbekommt. Und ich wer­de bestimmt als erster im Park sein.

Nachdem ich mir in der Apotheke die Tablet­ten besorgt habe, schlucke ich gleich drei davon und gehe dann in Richtung ”Kleine Ka­serne”. Ich komme gerade richtig, als Roland das Lokal auf­schließt.

Das erste Bier trinke ich in zwei großen Schlucken und bestelle gleich das zweite. Dann geht es etwas langsamer. Ein Bier kostet zwei Mark vierzig. Für das dritte Bier fehlen mir also noch eine Mark und zwanzig Pfennige. Und Roland gibt nichts auf Kredit.

Ich schwätze belangloses Zeug mit Roland und nach zwanzig Mi­nu­ten ist mein Bier leer.

Doch ich habe Glück. Roland scheint heute sei­nen gutmütigen Tag zu haben und gibt einen Asbach aus.     Ein Hütchen, wie wir sagen.

Nach dem Hütchen will ich gerade gehen und irgendwo einen Kum­pel aufreißen, der Kohle hat, als Andreas zur Türe hereinschwankt. Er hat schon einiges geladen, also hat er Geld! Ich haue ihn sofort an, ob er einen ausgibt, und Andreas gibt einen aus!

Wie sich dann herausstellt, war er eben auf dem ‘Sozel’, dem Sozial­amt gewesen und hatte seine hundertvierzig Mark Sozialhilfe abgeholt.

Ich weiß, was das für uns bedeutet: bis zum Nachmittag werden wir da­von mindestens hundert Mark nass gemacht haben. Wir werden bei­de stockbesoffen sein. In den Park werden wir heute nicht gehen. Und die restlichen vierzig Mark werden wir auch noch loswerden.

Und morgen? Morgen? Na ja. – Wenn ich morgen aufwache, werde ich rasende Kopf­schmerzen haben und heiße aufgesprungene Lip­pen. Ich werde den altbekannten Druck in der linken Bauchseite spü­ren, und mein Durch­fall wird sich wieder melden. Mein Körper wird müde und erschöpft sein, das Gehirn keine Ruhe finden.

Bilder, Abläufe, Blitzlichter im Kopf: Gedankenflattern, nenne ich das.

(c) Rolf Höge


 

Aus „Freischreiben“ ISBN-10: 3745094352

Einstimmen

Rolf HerbstblätterIm Hof die Birke
bereitet sich zum Schlafen vor
und färbt den Kopf sich ein.
Am Herd hol ich den Topf hervor,
die Suppe muss vom Kürbis sein.

Ein Büchlein dann in einer Hand,
Kastanien in der andern.
Von Satz zu Satz, rund um die Welt,
lass ich die Sehnsucht wandern.

Ein leichtes Frösteln,
es dunkelt schon,
die Abendsonne schwindet:
die Decke her, das Kerzlein an
und warten, dass der Herbst mich findet.

(c) Rolf Höge