Spiritualität, Religion oder das Bedürfnis ‚geregelt‘ zu werden

Ich bin kein religiöser Mensch. Ich denke, Religion wurde von Menschen erfunden und für Menschen gemacht. Religion benötigt für seine Existenz ein Regelwerk in Form von Ritualen und Verhaltensanweisungen. Religion versucht, den Grund menschlichen Daseins zu erklären, nicht zu untersuchen. Religion fragt nicht nach dem Sinn, Religion liefert den Sinn. Und für viele ist es genau das, was sie in ihrem Leben suchen: eine Antwort auf die Frage, was der Sinn des Lebens sei. Vor diesem Hintergrund erfüllt jede Religion für ihre jeweiligen Anhänger ihren Zweck, wenn sie dem religiösen Bild zusätzlich Lebensmodelle hinzufügt, nach denen die Gläubigen ihrem Glauben entsprechen können, und wenn sie das menschliche Bedürfnis nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit bedient.

Die Frage nach der Existenz eines Gottes wird aus der jeweiligen Religion heraus regelmäßig bejaht, wobei grundsätzlich die konkrete oder abstrakte Vorstellung der Religionsgemeinschaft über das Gottesbild als Grundlage für die Beantwortung dieser Frage dient. Der Glaube daran wird eingefordert, das Nichtglauben mit Konsequenzen belegt.

Kürzlich fragte ich meinen Sohn, der sich zur Evangelischen Freikirche zählt, ob er denn tatsächlich an Gott glaube. Ja, antwortete er, er sei davon überzeugt. Ob er denn an diesen Gott Abrahams glaube, wie er in der Bibel beschrieben ist, an den himmlischen Vater, wollte ich dann weiter wissen. Ja, bezeugte er. Ich erklärte ihm, dass es mir absolut unverständlich ist,. wie jemand an ein Wesen außerhalb seiner selbst glauben kann, das einen derartig stark ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex hat. Denn wie anders könne man es nennen, wenn der himmlische Vater von seinem geliebten Moses verlangt, dass dieser den Sohn zur Schlachtbank führe, um Gott, dem gütigen Vater, seine Liebe zu beweisen. Das ist Nötigung, das ist Machtmissbrauch. An diesen biblischen Gott kann ich leider nicht glauben, auch wenn dieser Tausende von Jahren nach diesem Ereignis entschied, von nun an für die Christen ein gütiger, liebender Gott zu sein. Zumal der zur Erlösung gesandte Sohn erst im 4. Jahrhundert nach seiner Geburt von Rom zum Sohn Gottes und diesem wesensgleich gekürt wurde.

Von der philosophischen Essenz hier sehe ich mich eher dem traditionellen, ursprünglichen Buddhismus zugeneigt. Das hat zwei Gründe. Zum einen sucht der Buddhismus nicht nach dem Sinn des Lebens und liefert dazu auch keine Erklärung ab. Nach der Überlieferung suchte Buddha die Gründe für die Entstehung allen Leids und die Lösung für die Auflösung allen Leids. Zusammengefasst kann man sagen, dass alles Leid durch den Menschen entsteht und durch diesen auch aufgelöst werden kann. Da gibt es nichts außerhalb des Menschen selbst, das steuert oder regelt. Zum anderen machte Buddha, sofern man der Überlieferung glauben kann, aus seinen Erkenntnissen keine Glaubensfrage. Er forderte seine Anhänger nicht auf, ihm zu glauben, sondern riet ihnen, seine Erkenntnis durch eigenes Erleben, durch eigene Erfahrung zu überprüfen. Ein weiterer Grund für die Unterscheidung zwischen klassischem Buddhismus und Religion, ist die Frage des Gebets. Ein Buddhist betet nicht zu irgend etwas oder zu irgend jemandem außerhalb von ihm. Ein Buddhist geht in die Kontemplation, er meditiert über eine Fragestellung, ein Thema.

Doch wie ich oben schon geschrieben habe: der Mensch hat ein Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach Zugehörigkeit. Er möchte die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet haben, er sucht nach Sinn für sein Dasein. Und so wurde aus dem ursprünglichen Buddhismus schnell eine Religion mit allen Facetten: mit Geistern der Verstorbenen, mit Gebetsmühlen, mit Wiedergeburten, mit so ziemlich allem, was zu einer waschechten Religion dazu gehört, inklusive Hierarchieebenen der Religionsführer und Unterdrückung des einfachen Volkes, worüber man in unserer westlichen Welt nicht viel wissen will, wenn es beispielsweise um die mittelalterlichen, menschenverachtenden Unterdrückungsmethoden durch tibetische Lamas geht.

Doch trotz allem bin ich ein spiritueller Mensch. Nein, kein Esoteriker. Esoterik und Spiritualität kommt für mich nur in den seltensten Fällen zusammen. Esoterik ist ein riesengroßer, legitimer Wirtschaftsmarkt mit einem Milliarden-Umsatz jährlich allein in Deutschland, mit der großen Zielgruppe der Sinnsuchenden, der Fragenden. Auch wenn Buchverlage dazu übergehen, ihre Produkte immer weniger als Esoterik zu klassifizieren, sondern in der Rubrik Lebenshilfe oder Spiritualität einzuordnen, hat das mit der Spiritualität wie ich sie für mich definiere nicht viel zu tun. Und wenn die liebe Gerda aus D-Stadt sich über eine Telefon-Hotline ihre Zukunftsfragen beantworten lässt, hat Gerda wohl eher ein Problem mit sich selbst als mit ihren Lebensumständen. Nur weiß sie das in der Regel nicht und insofern ist auch das okay.

Für mich liegt der erste Schritt des Erfahrens der eigenen Spiritualität darin, zu erkennen, dass es eine Wahrheit gibt. Nicht mehr und nicht weniger. Ich tue hier nun dasselbe, was Religionen tun, wenn sie die Schöpfung ‚Gott’ nennen. Ich gebe dem, was ist, einen Namen, etikettiere es und nenne es „Wahrheit“. Und Wahrheit ist alles, was ist. Nicht mehr und nicht weniger. Ich möchte erklären, was ich damit meine und was es für mich bedeutet.

Noch zu Anfang des Mittelalters galt der Donner während eines Gewitters für die Menschen damals als ein Ausdruck des Zornes Gottes. Selbst meine Mutter sprach noch in den 1950ern Jahren davon, dass der liebe Gott sich ärgere und es deshalb draußen blitze und krache. Heute weiß man, dass der Donner dadurch entsteht, dass sich aufgeheizte Luft in einem Blitzkanal schnell ausdehnt, die Luft in Schwingung versetzt und dadurch den Knall verursacht. Für uns hörbar, weil die Schwingung der Luft auf einen Resonanzboden in Form unserer Trommelfelle trifft. Das ist eine Wahrheit. Diese Wahrheit ist aber nicht erst seit der Erforschung des Gewitters entstanden. Diese Wahrheit war schon immer da. Diese Wahrheit existiert und wird weiter existieren.

Was für mich nun die ganze Sache spirituell macht, in Form von Wahrhaftigkeit, wird vielleicht durch die folgende, spannendere Feststellung noch deutlicher: Wenn ich meinen Daumen betrachte, so ist dieser Daumen zwar ein Teil von mir, aber ich bin nicht mein Daumen. Nimmt man von meinem Daumen eine DNA – Probe, so findet man darin alle Informationen, die meinen Daumen eben einen Daumen sein lassen. Aber man findet in dieser Probe auch alle Informationen, um mich als Mensch komplett nachbauen zu können und eben nicht nur meinen Daumen. Gehen wir hinunter zu meinem kleinen Zeh, finden wir dort dasselbe Phänomen: alle Informationen, damit mein kleiner Zeh zu einem kleinen Zeh werden konnte, aber auch alle Informationen, um mich komplett nachzubauen. Eine Art Gesetzmäßigkeit, die nicht erst seit der Entdeckung der DNA existiert. Eine Wahrheit, die schon immer war, die ist und sein wird. Eine schöpferische Wahrheit, die nichts fordert, nichts verlangt, die keine Glaubensbekenntnisse aufstellt. Eine schöpferische Wahrheit, die für sich gesehen neutral ist und einfach existiert.

Zu Erkennen, dass es eine grundlegende Wahrheit gibt, die wir durch unsere Forschungen in manchen Bereichen aufgedeckt haben und in anderen Bereichen eben noch nicht, ist für mich der Beginn eines spirituellen Pfades. Jedes auch noch so kleine In-Berührung-Kommen mit dieser Wahrheit, dieser Wahrhaftigkeit, sei es durch Forschung und Entdeckung, durch Kontemplation, durch Meditation ist für mich ein spirituelles Highlight.

Diese Wahrhaftigkeit einem Glaubenssystem einzuordnen oder es mit dem abgelutschten Etikett ‚Gott’ zu versehen, macht sie zu einem Konstrukt, beraubt sie ihrer Neutralität und entzieht ihr aus meiner Sicht jeden schöpferischen Aspekt.

Vielleicht ist der eine oder andere Leser geneigt, mir meine Spiritualität abzuerkennen, weil er das, was ich hier schreibe so ganz und gar nicht spirituell betrachten kann, fehlt doch irgendwie der religiöse, verklärende, mystische Bezug. Nun, das ist für mich auch okay. Denn es mag ja sein, dass ich mich absolut irre und nach meinem Tod vollkommen erstaunt auf diesen christlichen Gott treffe. Dann wird er sich allerdings ein paar Fragen von mir zu der Nötigung von Moses gefallen lassen müssen. Bis dahin…

© Rolf Höge

 

Die Pest herrschte nicht in Europa

(Zur Verwendung als Fake-News für Besorgte oder Störche)

Dass in Europa von 1346 bis 1353 die Pest herrschte, ist ein Märchen. Tatsächlich herrschte in Frankreich Philip IV, in England Eduard III und im Heiligen Römischen Reich Karl IV

Überhaupt weiß man seit 1934, dass die Pest nur von einem Schiff bekannt war, das vor der Insel Madagaskar lag. (Man beachte in meiner Schreibweise das ‚Doppel-S‘ nach dem ersten Komma und das einfach S nach dem zweiten Komma. Ich mag eben Kommata mit ihren unterschiedlichen Bedeutungen, Kommas hingegen mag ich weniger).

Gut, also dieses besagte Schiff lag irgendwann vor Madagaskar und hatte die Pest an Bord. Nicht etwa die Mannschaft hatte die Pest an Bord, sondern das Schiff. Wie das Seefahrzeug (ich mag auch meine Eloquenz!) dies nun genau bewerkstelligt hatte, bleibt Anfang der 1930er Jahre noch weitgehend unklar. Man weiß lediglich, dass Wasser in Kübeln, Fässern oder Kesseln faulte und täglich „einer“ – wer immer das war – über Bord ging. Wir gehen heute davon aus, dass dieser „einer“ bereits tot war. Unklar ist jedoch wiederum, wie er unlebendig „über Bord gehen“ konnte.

Angefangen damit hatte ein gewisser Herr Langbein oder der lange Hein, dieser soll der erste gewesen sein, dem dann wiederum täglich „einer“ folgte.

Wie dem auch sei, jedenfalls kam irgendwann ein Schiff an besagtem Seefahrzeug vorbei und konnte keine Schreie der Toten hören, was durchaus verständlich ist. Unverständlich allerdings mag erscheinen, dass jemand von den Toten aufs weite Meer hinausblickt und an ein kleines Mädchen denkt, dass er sich herbeiwünscht, weil er es einmal so heiß geküsst habe. Allein diese Aussage mag doch dem verständigen Europäer die Unsinnigkeit einer Pest im Mittelalter verdeutlichen: Wenn 1934 jemand auf sein Mädchen wartet – auch, wenn er tot ist – dann wäre dieses Mädchen, sofern man die Pest im Mittelalter ansiedeln wollte, etwas über 600 Jahre alt.
Selbst das Dritte Reich dauerte nur 12 Jahre und niemand – weder aus dem ersten noch dem zweiten Reich – hätte die Geduld aufgebracht, so lange auf ein Mädchen zu warten, das man nach 600 Jahren kaum noch erkannt hätte. Nicht einmal die Zerstörung des Tausendjährigen Reiches erst an dessen Ablauf, konnte man in Deutschland abwarten, sondern legte schon innerhalb der ersten 12 Jahre alles in Schutt und Asche.

Zusammenfassend mag man festhalten: Die Pest herrschte nicht in den Straßen Deutschlands, sondern verweilte an Bord eines Schiffes, das vor Madagaskar lag. Schon dies alleine sollte Grund dafür sein, die Geschichte umzuschreiben.

rh

 

Andere Texte, manchmal ernst, manchmal heiter finden Sie auch auf meiner Homepage

 

Ludo ergo sum – Ich spiele, also bin ich

Nach meinem Herzinfarkt enteckte ich für mich, dass ich mich durch absolut nichts von der Masse abhebe, dass wir uns alle nur auf einem Spielfeld bewegen, zu dem Zwecke, dieses Spiel zu spielen, das man Leben nennt.

Jeder einzelne wird auf die eine oder andere Weise das Spielfeld verlassen, niemand bleibt. – Daher liegt der Sinn für mich weder in der Verklärung oder Verschleierung des Spiels, noch darin, ständig an das Spielende zu denken. (Obwohl ich selbst immer wieder darüber nachdenke). – Den Sinn sehe ich darin, aktiv mit Ethik und Charakter an diesem Spiel teilzunehmen, nicht nur zuzuschauen oder an mir vorbei spielen zu lassen. Das ist schwer genug, verdammt schwer. – Doch wenn ich über das DANACH nachdenke, fehlt mir irgendwie die Zeit für das Spiel.

Einen Teil dieser Spielgestaltung stellen meine Texte und meine Autorenlesung dar.

Ludo ergo sum! – Ich spiele, also bin ich.

(c) Rolf Höge

 

Schön, wenn ihr zu mir findet

Nun beginne ich auch auf meiner eigentlichen Homepage zu bloggen.  Manche Leser störte der Blogname ‘Laienautor‘.  Also habe ich beschlossen, zweigleisig zu fahren: ich schreibe sowohl auf dem einen wie auf dem anderen Blog. Was nicht heißen soll, dass die Blogeinträge identisch sein werden. Gerne verweise ich dabei auch auf meinen Ratgeber „Trocken. Was nun? – Wege in eine zufriedene Abstinenz„. Sicherlich können auch Auszüge aus diesem Buch interessant sein und ich werde das in meinen Blogeinträgen berücksichtigen.

Aber hauptsächlich will ich auf  meiner Homepage in unregelmäßigen Abständen mitteilen, was mir so im Kopf herumschwirrt und auf diese Weise meine Gedanken ‚freilassen‘, den Kopf freischreiben von Gedankenflut, von Blitzlichtern im Kopf. Auf die gleiche Weise entstanden meine Lesetexte, die zum Nachdenken anregen dürfen, aber auch das Schmunzeln nicht außer Acht lassen.

Meine freigelassenen Gedanken, niedergeschrieben in Kurzgeschichten, Glossen und Gedichte ermöglichen mir während einer Autorenlesung die Begegnung zum Leser. In meinem Buch „Freischreiben“ habe ich Texte, die so entstanden sind, zusammengetragen und unter der ISBN-10: 3745094352 veröffentlicht.

Da ich in Mannheim geboren bin und perfekt „Monnemerisch“ spreche, sind in „Freischreiben“ auch Gedichte und Prosa in diesem Dialekt zu finden, wie beispielsweise das Gedicht „Vun de Sunn“

Donn gucke mer mol, ob’s hiehaut. (Sehen wir mal, ob es funktioniert). Ich würde mich freuen, wenn ihr den Weg auf meine Homepage finden würdet.

Herzliche Grüße Rolf

 

 

 

 

„Laienautor“, weshalb ich mich so nenne

Eigentlich bin ich es ja leid, mich in sozialen Netzwerken oder in Foren erklären zu müssen, weil sich irgendjemand an dem Ausdruck ‚Laienautor‘ hochschaukelt. Trotzdem will ich meine Absicht hinter diesem Ausdruck nochmals verdeutlichen und zwar hier auf meinem Blog.

  1. Mein Blog heißt Laienautor, nicht Hobby-Schriftsteller. Ich betreibe das Schreiben nicht als Zeitvertreib. Ich war in den 80ern Mitglied der Werkstatt Mannheim im „Werkkreis Literatur der Arbeitswelt“. Da konnte ich einiges über Arbeit am Text lernen. Auch die Räuber77 in Mannheim sind mir nicht fremd, weil ich da auch für kurze Zeit mitwirkte. In örtlichen Schreibwerkstätten und Literaturkreisen bin ich auch aufgetaucht, an Lesebühnen wie die ‚Spätlese‘ im Felina-Theater nehme ich gerne teil. – Ich würde mich allerdings nie als Schriftsteller oder ähnliches bezeichnen. Ein Schriftsteller aus meiner Sicht lebt von seiner Schreibe. Er schreibt Bücher, die er verkauft, Drehbücher, Bühnenstücke und vieles mehr. Das alles tue ich nicht. Wenn ich von meiner Schreibe leben müsste, würde ich verhungern. Also bin ich Laie.
  2. Vielleicht nochmal etwas deutlicher an einem anderen Beispiel: in der Ecke meines Wohnzimmers steht eine Gitarre. Manchmal spiele ich darauf zum Zeitvertreib. Ich habe hier auch einen kleinen Verstärker. Manchmal schließe ich da ein Mikrofon an und singe da hinein. Meist Lieder in Mundart, die ich mal geschrieben habe. Das ist lustig, das kommt gut an. In der Familie, im Freundeskreis und als kleine Einlage auch mal in einer Lesung. – Ich kann kaum Noten lesen und nur ganz wenige Akkorde auf der Klampfe sicher greifen. Von der Technik habe ich absolut keine Ahnung. Ich würde mich also niemals als „Musiker“ bezeichnen und genauso wenig als „Laie“, weil ich mich mit dem „Handwerk des Musizierens“ niemals beschäftigt habe. Mit dem Schreiben allerdings schon.
  3. Ein ‚Laienprediger‘ beispielsweise muss zum einen in seiner Religion zuhause sein und etwas vom Predigen verstehen, sonst braucht er erst gar nicht anzufangen. Er ist also kein „Prediger zweiter Klasse“, sondern verdient damit lediglich kein Geld. Er ist Laie.

Ich nutze die Bezeichnung ‚Laienautor‘ also nicht für ‚fishing for compliments‘ oder weil ich etwas Nachsicht mit meinen Texten erwarte. Damit kann ich absolut nichts anfangen, weil sie mich beim Schreiben in keiner Weise weiterbringen. Das braucht man mir erst gar nicht zu unterstellen. Wie jeder, der schriebt, bin ich auf konstruktive Kritik angewiesen, nicht auf Verriss.

Ich hätte aber nie gedacht, dass man mir in sozialen Netzwerken oder Schreibforen allein aufgrund der Namensbezeichnung unlautere Absichten unterstellt, ohne überhaupt erst einen Text von mir gelesen zu haben.

Wer sich trotz allem daran stört, kann ja auch meine Homepage besuchen www.rolf-hoege.de

 

Wer weiß das schon

Wer sagt denn, etwas müsse so sein, wie es zu sein hat? Kennst du ein Gesetz, ein Regelwerk oder zumindest eine Gesetzmäßigkeit, die verbindlich festlegt, wie Dinge zu sein haben, damit sie so sind, wie sie zu sein haben?

Du willst, dass ich aufhöre zu philosophieren, weil du das nicht mehr hören willst, weil du nicht mehr diskutieren willst über die Dinge?

Es liegt doch auf der Hand, wie etwas ist, das weiß doch jeder, sagst du. Jeder weiß, wie etwas zu sein hat. Und wenn er es doch nicht weiß, dann kann er es ja lernen, wie es zu sein hat, meinst du. Und dann ist es eben so, wie es ist, und wahrscheinlich ist es dann auch so, wie es zu sein hätte, vorher und danach auch wieder, nachdem es dann gelernt wurde. Dann ist es wieder so, wie es zu sein hat.

Alles kann man lernen, auch wie die Dinge sind, kann man lernen. Das sieht man doch, das muss man nur annehmen, sagst du.

Vielleicht können aber nicht alle annehmen, wie es für dich zu sein hat, weil sie es anders beigebracht bekommen haben, wie etwas zu sein hat? Wie ist es denn dann, wie wäre es denn dann, wie hätte es denn dann so zu sein, wenn jemand sagt, etwas müsse so sein, wie es zu sein hat? Ist es dann so wie es ist oder wieder bloß, wie es zu sein hat? Wer weiß das schon, wenn niemand festgelegt hat, wie etwas sein muss, damit es so ist, wie es zu sein hat.

© Rolf Höge

Politik oder Masturbation

Selbst wer sich eine Zeitlang mit politischem Geschehen auseinandergesetzt hat, tut sich in den Wirren der heutigen, politischen Gemengelage schwer, Sachverhalte zu analysieren und diese differenziert zu betrachten. Wer darin kaum oder nur wenig erfahren ist, sucht schnell nach der Schublade, in die sich solche gehäuft auftretenden Schreckens-Ereignisse stecken lassen. So entstehen einerseits Gutmenschen und andererseits populistische Parolen-Schreier.

Es vereinfacht vieles. Das Muster „Brot und Spiele“, mit dem man sich in seiner Komfort-Zone halten ließ, ist durch Terroranschläge in Europa plötzlich unterbrochen, Orientierung für das eigene Wohlgefühl geht verloren, und es wird scheinbarer Halt gesucht an Schlagzeilen oder politischen Rändern.

Das ist stets so, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Die Pendel schlagen derzeit groß aus. Ob Attentäter oder Terrorist: ein ekelerregendes Entertainment fürs Heimkino auf der Couch. Mehr als 1500 Tötungsdelikte im Jahr in Deutschland erzeugen nicht so viel Angst und Unsicherheit wie eine einzelne terroristische Tat oder ein Amoklauf. Das ruft diejenigen auf den Plan, die Schubladen anbieten, die schnell Schuldige benennen oder Sofortlösungen parat haben. Anstatt einfach einmal die Fresse zu halten und den Menschen ihre Trauer zu belassen, machen sie Wahlpropaganda.

Ich wähle weder eine Partei, die aus der jetzigen Situation Nutzen ziehen will, noch eine Partei, die über ihre eigene Urheberschaft hinweg sieht. Alle wussten von Leid, von Not, von Armut, von Hunger, vom Sterben, von Krieg und von Elend. Kriege entstehen nicht durch Unwissen, und Flüchtlingsströme auch nicht! Wir diskutieren über die falschen Themen, über Sätze, über Worte und klagen an.

Eine Diskussion über den Satz „Wir schaffen das“ ist nichts anderes als eine Schubladenproduktion, eine falsche Anklage. Selbstverständlich schaffen wir das, weil wir es schaffen müssen, sonst schafft es uns. Die Fragen müsste lauten: Weshalb habt ihr mitgewirkt am Entstehen von Hunger, Armut, Sterben, Krieg und Elend? Weshalb habt ihr zugelassen, dass Menschen flüchten müssen? Welchen Teil habt ihr dazu beigetragen, dass Flüchtlingsströme entstehen? Wie wurde mit eurer Hilfe der internationale Terrorismus in die Welt gebracht?

Manche unterscheiden zwischen einem „politischen Islam“ und einem „friedlichen Islam“. Das kann man durchaus so sehen. Ich gehe davon aus, dass mein muslimischer Kollege ein friedlicher Mensch ist und mir nicht den Kopf abschlagen will. Trotzdem empfinde ich das Wort Frieden in einer Welt-Religion gerade etwas deplatziert.

„Auge um Auge, Zahn um Zahn“, das ist der Vergeltungsleitsatz einer christlichen, US-amerikanischen Gesellschaft, in der die Waffen-Lobby mehr Einfluss hat als der Präsident. Geschundene, geschlagene Bauern zeigen die Handschrift der buddhistischen Lamas in Nepal, und das Schwert ist die Waffe des Heiligen Krieges im Islam im Feldzug gegen Ungläubige.

Ob Frauendiskriminierung, Intoleranz, Arbeitnehmerdiskriminierung oder Kampaufrufe: Religion ist immer „politisch“, weil sie mit Macht einhergeht, mit Mission, mit Unterwerfung, mit Regelwerk.

Was geschieht in der Politik? Ich bin noch vor dem Mauerfall aus der kommunistischen Partei ausgetreten, weil mir bewusst wurde: wer auf Menschen schießt, die vor ihm wegrennen, darf sich nicht Sozialist nennen. Was sie ‚predigten‘ rechtfertigte nicht einmal, das Wort „Sozialismus“ zu buchstabieren.

Heute möchten manche gerne wieder auf Menschen schießen, auf Menschen, die Hilfe suchend auf sie zu rennen. Ich sehe darin keinen Unterschied. Beides ist inakzeptabel, beides ekelt mich an. Deshalb sind Parteien für mich heute kein Maßstab mehr für meinen politischen Standpunkt. Für mich ist wichtig, welchen ethischen, inneren Standpunkt ich für mich persönlich einnehme. Und da ist eben Rassismus und Fremdenhass tabu.

Das heißt aber nicht, dass man unter dem Mantel von Fremdenfreundlichkeit und Flüchtlingshilfe die Augen schließen soll vor den Gefahren, die uns nun in Europa erreichen: für die Geburt von „Gottes-Kriegern“ wurde schon in den 80er Jahren gesorgt durch expansive Politik, durch den Run auf Rohstoffe, durch das Ausbluten von Märkten, durch Feindbilder und ‚Verbündeten-Pflege‘. Bildungsarmut, Perspektivlosigkeit sowie ein menschenverachtender, ausufernder Kapitalismus ist der Nährboden, auf dem sowohl politische wie auch religiöse Hass-Prediger ihre Saat aufgehen lassen.

Was uns heute an Gewalt begegnet, ist symptomatisch für eine polarisierende Weltpolitik, in der das Menschsein aufgerieben und gering geschätzt wird. Die reine Symptombetrachtung reicht für Veränderung nicht aus, sie fördert nur die Schubladenproduzenten. Die Ursachen bestehen weiterhin, auch und gerade für Flüchtlingsströme.

Jeder vernünftige Mensch weiß, dass man bei einem Leck in der Wasserleitung zunächst das Wasser abstellt. Nun stellt man aber, übertragen auf die Situation der Geflüchteten in Europa, das Wasser nicht in Österreich, der Türkei, in Griechenland oder sonst irgendwo ab, sondern bei den Flüchtlingsproduzenten selbst, den Kriegstreibern, den Öl-Haien, den Waffenproduzenten und Waffenlieferern, den Weltbrandstiftern. Für mich beispielsweise ist keine Partei wählbar, die Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien oder die deutsche Teilnahme an Kriegen unterstützt.

Ebenso nicht wählbar und nicht tolerierbar ist für mich offener oder unter dem Deckmantel von Meinungsfreiheit und Protest einhergehender Rassismus. Beispielsweise widert mich in der Flüchtlingsdebatte der Verweis auf ‚gutgenährte, schwarze Männer‘ an. ‚Gut genährte, schwarze Männer‘ tun mir erst einmal nichts, gar nichts. Mir ist es auch gleichgültig, aus welchem Land sie zu uns kommen.

Mir ist aber keinesfalls gleichgültig, wie sie sich hier benehmen. Wer straffällig wird, ist zu bestrafen, dabei ist mir die Nationalität oder Hautfarbe vollkommen gleichgültig. Das geschieht nach deutschem Recht. Ist dieses deutsche Recht zu lasch, schlecht anwendbar oder eben unzureichend, muss man es parlamentarisch ändern, durch gewählte Volksvertreter. Das nennt man Rechtstaatlichkeit. Eine Gesetzgebung für bestimmte Gesellschaftsgruppen haben wir historisch schon hinter uns gelassen: das nannte man damals ‚Rassengesetze‘.

Auffallend für mich ist auch diese Scheinheiligkeit der Politik, die für mich darin besteht, scheinbar mehr Sicherheit schaffen zu wollen, in dem Wissen, dass es diese nicht geben kann. Die Zeiten haben sich geändert bei uns. Wir werden auf nicht absehbare Zeit mit Gefahren wie Terroranschlägen leben müssen, wie in anderen Ländern auch. Deutschland bildet eben keine Ausnahme mehr, denn Deutschland wirkt an Kriegen und Waffenlieferungen, an der Ausbeutung von Märkten mit. Ebenso scheinheilig wirkt auf mich das laute Getöse, andere EU-Länder müssten ebenso zur Flüchtlingsaufnahme bereit sein wie Deutschland, während man es unterlässt, diese Länder gleichzeitig wirksam unter Druck zu setzen.

Wenn Polen mitteilt, es nehme nur ein bestimmtes Kontingent an „katholischen“ Flüchtlingen auf, dann polarisiert diese Aussage zu einem „politisches Christentum“ . Wenn sich Ungarn einmauert und der EU die nationalistische Stirn bietet, sollten wir uns unbeeindruckt zeigen: no money, no fun.

Wenn Herr Erdogan glaubt, Journalisten verhaften zu müssen, im Parlament die Immunität von Abgeordneten aufhebt, das Volk nach der Todesstrafe ruft, dann ist das nicht EU-kompatibel: Ende der Verhandlungen.

Doch anstatt sich Abgeordnete aller Parteien im Bundestag sowie in der EU gemeinsam erheben, diskutieren diese über Sinn oder Unsinn von Sätzen, zeigen gegenseitig mit den Fingern auf sich, sind mit dem Futter für das jeweilige Stimmvieh beschäftigt oder beteiligen sich an der Produktion von Schubladen für Smartphone-Spieler oder Schlagzeilen-Junkies. In der freien Wirtschaft undenkbar, wenn es um Problemlösung geht.

Wenn der Sinn einer Partei dahin mutiert ist, das Kreuz auf dem Stimmzettel zu erhalten, findet keine Politik mehr statt, sondern Masturbation.

(c) Rolf Höge