Höher als alle Vernunft

Stell dir vor, aus irgendeinem Grund kommst du von deinem Weg ab und läufst mitten hinein in ein weites Feld aus Kot und Abfall, einem stinkenden Sumpf, der die Beine schwer macht und Kraft kostet. Doch du gehst weiter und mit jedem Meter nimmst du diesen beißenden Geruch nicht mehr so wahr, bis er schließlich ganz verschwindet. Du marschierst zielstrebig geradeaus und irgendwann wird das Gehen auf diesem Weg für dich zur Normalität. Plötzlich begegnen dir Menschen. Du spürst, sie wollen dich von irgendetwas wegholen, dir etwas zeigen, und sie rufen dir zu, es gebe noch einen anderen Weg ganz in der Nähe. Sie verstehen nicht, weshalb du die Nase rümpfst und verbittert im Gestank läufst.

Und da machst du sie zu deinen Gegnern, die dich vom Weg abbringen wollen, der doch deiner ist. Gegner, die dich belehren wollen, dir ihre Wahrheit überstülpen wollen. Und Recht hast du, es ist dein Weg, du hattest dich einmal dafür entschieden, ihn zu gehen, dann aber vergessen, dass du ihn eigentlich nie gehen wolltest. Von da an hast du alles vermieden, die Richtung wieder zu ändern, unterdrücktest jede aufkommende Übelkeit, nahmst den Gestank von Kot in Kauf und rechtfertigtest dies in deinen Gedanken für dich so lange, bis dieser Weg für dich zur Normalität geworden ist.

Du wirst diese Normalität kaum verlassen können, so lange du nicht vertraust, dass da noch etwas anderes existiert für dich, etwas, was du kennst, irgendwie fühlst, aber nicht mehr benennen kannst. Solange du ausgestreckte Hände als Bedrohung interpretierst und Menschen, die von einer anderen Realität, einem anderen Weg, einem anderen Leben erzählen als Gegner verstehst, wirst du weiter in der Kloake laufen, womöglich irgendwann erwachen und um dich herum stinkt es.

Manchmal bedarf es eben eines Stück Vertrauens. Menschen, die dir so im Laufe der Zeit auf dem eingeschlagenen Lebensweg begegnen, können Impulse sein, einmal etwas anderes auszuprobieren. Du musst nicht auf ihren Wegen wandeln, eher vielleicht dein Feindbild vom Gegner für dich neu überdenken.

Und dann hör in dich hinein, schule dich im Fühlen und vielleicht wirst du da etwas hören oder empfinden, was dir zuflüstert: „Vertrau!“Manche nennen das Glauben andere Urvertrauen und wieder andere Wissen, mit dem Verstand kaum zu begreifen, denn es scheint ‚höher als alle Vernunft‘.

(c) Rolf Höge

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Großer Bub

Spargelstangen werden geschnitten. Dann hat die Familie mehr davon mit weißer Soße und Kartoffeln dazu. Die Augen blicken rüber zur Mutter, erwartungsvoll und wissend. Sie legt den Kotelettknochen auf seinen Teller, damit er dem Vater nacheifern kann. Schnell legt er die Händchen um den panierten Stiel, knabbert mit den Mäusezähnchen, schaut nach Papa und fühlt sich groß und stark wie er.

Neben ihm die große Schwester am Tisch, die sich anschickt, der Mutter etwas von ihrem Fleisch abzugeben, weil Mama kaum noch etwas auf ihrem Teller liegen hat. Lächelnd von der Mutter zurückgewiesen mit sanftem, dankbaren Blick zur großen Tochter.

Mamas Worte hört er zur Schwester geflüstert: „Da lernt er etwas, der Bub.“ – Er versteht nicht, was er lernen soll. Das Nagen vielleicht, das Abnagen, bis nur noch blanker Knochen übrigbleibt, ohne ein Fetzchen Fleisch daran. „Fleischlos wie Skelette in der Wüste muss der Knochen aussehen“, sagt Papa immer, der Krieger, der Mann, der Arbeiter.

Gerade heute fällt ihm das wieder ein, steigt die Erinnerung in ihm auf, im großen Buben, der nun selbst schon sechs Jahrzehnte in dieser Welt lebt. Gerade heute, als vor ihm im Supermarkt dieser junge Mann zur Kassiererin sagt, er spreche nur Englisch. Ein Schnittbrot und einen Joghurt will der Mann kaufen. Lässt dann alles liegen an der Kasse, weil die EC-Karte nicht funktioniert und verlässt den Markt.

Damals kleiner Junge, heute Großer Bub sucht er draußen den jungen Mann, kann ihn erst nicht finden, fährt die Umgebung ab, sieht dann später den Fremden in der Waldhofstraße mit ruhigem, aber strammen Schritt gehen, die Hände in den Hosentaschen vergraben als sei das Gehen vertraut und geübt.

Er lächelt, dieser junge Mann, als Großer Bub neben ihm hält und ihn zum Auto winkt:

“I’m sorry. I’don’t speak German.“

„I know“, antwortet Großer Bub. „Go back and buy this bread. – Geh’zurück und kaufe das Brot.”

Und das fremde, junge Gesicht strahlt mit dem 5-Euro-Schein in der Hand.

Vielleicht hat er etwas gelernt, damals von der Mama, der Bub.

© Rolf Höge