Großer Bub

Spargelstangen werden geschnitten. Dann hat die Familie mehr davon mit weißer Soße und Kartoffeln dazu. Die Augen blicken rüber zur Mutter, erwartungsvoll und wissend. Sie legt den Kotelettknochen auf seinen Teller, damit er dem Vater nacheifern kann. Schnell legt er die Händchen um den panierten Stiel, knabbert mit den Mäusezähnchen, schaut nach Papa und fühlt sich groß und stark wie er.

Neben ihm die große Schwester am Tisch, die sich anschickt, der Mutter etwas von ihrem Fleisch abzugeben, weil Mama kaum noch etwas auf ihrem Teller liegen hat. Lächelnd von der Mutter zurückgewiesen mit sanftem, dankbaren Blick zur großen Tochter.

Mamas Worte hört er zur Schwester geflüstert: „Da lernt er etwas, der Bub.“ – Er versteht nicht, was er lernen soll. Das Nagen vielleicht, das Abnagen, bis nur noch blanker Knochen übrigbleibt, ohne ein Fetzchen Fleisch daran. „Fleischlos wie Skelette in der Wüste muss der Knochen aussehen“, sagt Papa immer, der Krieger, der Mann, der Arbeiter.

Gerade heute fällt ihm das wieder ein, steigt die Erinnerung in ihm auf, im großen Buben, der nun selbst schon sechs Jahrzehnte in dieser Welt lebt. Gerade heute, als vor ihm im Supermarkt dieser junge Mann zur Kassiererin sagt, er spreche nur Englisch. Ein Schnittbrot und einen Joghurt will der Mann kaufen. Lässt dann alles liegen an der Kasse, weil die EC-Karte nicht funktioniert und verlässt den Markt.

Damals kleiner Junge, heute Großer Bub sucht er draußen den jungen Mann, kann ihn erst nicht finden, fährt die Umgebung ab, sieht dann später den Fremden in der Waldhofstraße mit ruhigem, aber strammen Schritt gehen, die Hände in den Hosentaschen vergraben als sei das Gehen vertraut und geübt.

Er lächelt, dieser junge Mann, als Großer Bub neben ihm hält und ihn zum Auto winkt:

“I’m sorry. I’don’t speak German.“

„I know“, antwortet Großer Bub. „Go back and buy this bread. – Geh’zurück und kaufe das Brot.”

Und das fremde, junge Gesicht strahlt mit dem 5-Euro-Schein in der Hand.

Vielleicht hat er etwas gelernt, damals von der Mama, der Bub.

© Rolf Höge

 

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Autor: Rolf Höge

Dieses Blog begleitet meine Homepage www.rolf-hoege.de - Laienautor nenne ich mich hier, weil ich nicht vorrangig professionell schreibe und damit Geld verdiene, sondern eher als Laie meine Texte produziere und vorstelle, d.h. 'nicht professionell'. Wenn ich schreibe, male oder gestalte, bin ich in Kontakt mit mir und dem, was in mir ist. Ich erlebe dies als etwas sehr Persönliches, Eigenes und ich bin durchaus geneigt, diese Prozesse als meine individuelle, spirituelle Erfahrung zu bezeichnen. Ich bin Mitglied im Literarischen Zentrum Mannheim "Die Räuber 77", Mitglied in der Künstlergruppe "fx - fundus artifex", Mitglied im "Künstlerverein Bürstadt".

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