Sie sind wir

Sie verkünden, das Gute sei schlecht und Solidarität üben nur Schwache. Sie dringen in Gedanken wie Diebe in der Nacht und schreien, deine Freiheit sei bedroht. Sie behaupten, man wolle dich ersetzen, deine Identität rauben. Sie ignorieren die Toten um dich herum, entzweien Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Bruder und Schwester, Nachbarn und Freunde

Stärke liege nur im Ich des Einzelnen, Miteinander sei die Angst des Feiglings. Sie applaudieren Menschenfeinden, erheben Bühnenkünstler zu ihren Führern und deren Feindbilder zu Anbetungsgötzen.

Jeder ist sich selbst der Nächste, Nächstenliebe kommt vor dem Fall, verkünden sie.

Sie hausen an den Polen unserer Meinungen und machen das Land dazwischen unbewohnbar für Gemeinschaft, für Unterstützung, für Toleranz und Liebe.

Sie bieten wortgewaltige Schlagzeilen, eine uferlose Freiheit der Unendlichkeit, in der du ersaufen sollst als schwimmest du in einer Nussschale auf hoher See.

Sie sind ich, sie sind du, sie sind wir.

Rolf Höge

Es ist ein Spiel

Inspiriert von einem Besuch in der Kunsthalle Mannheim, entstand diese Kurzgeschichte …

Sie müssen wissen, ich schreibe nicht nur, ich male auch seit einiger Zeit. Ich male abstrakt, bewundere jedoch alle, die ihre Pinsel so einsetzen als wollten sie Landschaften fotografisch abbilden. Wie hier auf den Bildern einer Ausstellung in der Kunsthalle.
„Aber du wirkst etwas bedrückt.“ Ich höre Jakobs Stimme in meinem Kopf.
Meine Vornamen lauten Rolf, Jakob und Richard. Jakob und Richard waren meine Onkel, die Brüder meines Vaters. Sie sind schon lange verstorben, aber sie reden manchmal mit mir. Sie melden sich meist ungefragt und ich habe mich schon daran gewöhnt.
„Das Grün erschlägt mich“, sage ich.
„Ah, der Malkurs“, meint Jakob.
„Üben, üben,“, Richard zitiert meine Kursleiterin. „Immer wieder Farben mischen. Sehen Sie sich die alten Meister an.“
Seit sechs Monaten besuche ich ihren Kurs
Aber ich bin Rentner und habe keine Zeit fürs Üben, für das Mischen von Farbnuancen. Rentner sitzen entweder beim Arzt oder verbringen ihre Restlebenszeit damit, vergessene Träume verwirklichen zu wollen. Außerdem hasse ich Grün auf Leinwand. Nicht jedes Grün, aber dieses dunkle, fette, satte Grün.
Mein Blick schweift über die Wände des Ausstellungsraumes: detailgetreue Landschaftsbilder verschiedener Künstler, pointierte Abstufungen, filigran gemalte Blätter in dichten Baumkronen. Produkte menschlicher Fotoapparate schleudern mir dieses Grün entgegen. Selbst das großformatige „Birkenstück“ von Ralph Fleck abstrahiert einen grünen Wald, in dem drei Birken stehen.
„Und das hier wirkt auf mich wie ein Urwald, ein Urwald mit Birken.“ Ich zeige auf das Gemälde von Fleck.
„Lass mal die Kirche im Dorf“, höre ich Richard. „Erst stören dich die Landschaftsbilder, jetzt die abstrakten Birken.“
Auch Jakob meldet sich wieder.
„Also nochmals: du wirkst bedrückt, was stört dich denn?“
Ich stutze kurz, fühle in mich hinein, wie ich es immer tue, wenn Jakob und Richard anwesend sind.
„Die Stimmung“, antworte ich, „dieses Grün in fetten, alten Stuckrahmen erdrückt mich. Ich höre nichts und fühle nichts. Ich sehe nur diese Momentaufnahmen von Blättern.“
„Landsacape – Landschaften, heißt die Ausstellung“, sagt Richard.
„Ich hätte sie anders genannt: Einsamkeit.“
„Einsamkeit?“
„Oder Langeweile. Die Künstler schweigen. Was empfinden sie in der Natur, wie säuselt der Wind, wie pocht freudig das Herz beim Geruch von frisch gemähtem Gras?“
„Werde jetzt nicht poetisch“, spottet Jakob.
Ich gehe nicht darauf ein.
„Lebendig geht anders“, murmele ich vor mich hin, „ich sehe nur Grün.“ Leicht genervt schreite ich die Wand entlang.
Gut, ich räume ja ein, seit vorgestern eine Abneigung gegen Grün zu haben, obwohl die Kursleiterin ja Recht hatte. „Da fehlen die Grundlagen“, hallt es noch in mir nach, „immer wieder die Farben mischen, üben, üben.“
Ernsthaft, diese grünen Bilder hier lassen mir nur die Wahl zwischen schön oder nicht schön, lassen mich werten anstatt fühlen.
Unvermittelt zieht es mich zu einem anderen Bild: Heinrich Bürkel malte 1839 die ‚Campagna mit Aquädukt‘.
„Seht mal her“, spreche ich zu meinen Onkeln. “Dieser Schäfer wacht über seine Schafe. Auf dem Esel daneben sitzt eine Frau und hält ihr Kind in den Armen. Eine Szene inmitten einer italienischen Landschaft, filigran, detailgetreu und lebendig.“
Ich trete näher an das Bild. „Schaut, Bürkel übergibt mir eine Geschichte und überlässt mir die Entscheidung über Inhalt und Verlauf. Ich entscheide, ob ich in die Szene eintauche, wann immer ich will und wie ich will. – Wisst ihr, was ich meine? So entsteht für mich eine neue, vorher noch nicht gekannte Realität.“
„Entscheidung ist ein gutes Stichwort“, klingt Richard zu mir. “Oben sind Werke von Anselm Kiefer. Er sagt, der eigentliche Schaffungsprozess sei gar nicht so schwierig. Schwierig sei, zu entscheiden, was man gestalten will. Alles andere läuft dann fast von alleine.“
„Lasst uns hochgehen“, sage ich.
Ich habe nicht oft das Gefühl, begeistert das Zimmer eines alten, durchgeknallten Freundes zu betreten. Mit voller Wucht trifft mich der überdimensionale Willkommensgruß von Anselm Kiefer, und ich bestaune sein riesengroßes Bild eines aus Blei modellierten U-Bootes inmitten einer weißgrauen Berglandschaft.
‚Noah‘, nennt Kiefer das Bild. Da braucht es kein Grün, keine Nachbildungen. Unterschiedliche Materialien wie Holz, Blei, Ölfarbe und Teer benutzt der Künstler, um sich auszutoben. Wie ein Kind, dem man die große Freiheit lässt, zu spielen, voller Lust und Drang. Jedes Werk, das er präsentiert, wirkt einladend und verkörpert für mich die Reduktion von Sachverhalten auf das Wesentliche – wie in einem Gedicht.
Noah baute die Arche, denke ich. Wir bauen U-Boote, um uns zu vernichten.
„Ich glaube nicht, dass Anselm Kiefer eine so eindeutige Aussage machen wollte“, meldet sich Richard wieder. „Er spielt. So wie Du früher als Kind auf dem Klo, als Du selbst Landschaften geschaffen hast.“
„Als ich mit den Fingernägeln die weiße Farbe vom Wasserrohr gekratzt habe? Ja, da entstanden Geschichten, ganz von alleine. Ich musste nichts erfinden.“
„Oder als du in deinem neuen Matrosenanzug Schiffe aus Schlamm gebastelt hast“, warf Jakob ein.
Ja, genau, denke ich. Dieses lustvolle Beginnen, wie befreiend, einfach anfangen und zulassen, was kommt, entlanghangeln an der Lust im Tun, ein Spiel voll Spaß und Kraft, ohne vollendet präsentieren zu wollen. Ich spüre den Impuls, mitzuspielen und mit den Händen ins Bild zu greifen, fühle mich aufs Höchste willkommen, in diesem Spielzimmer der Kunsthalle.
Auf dem Heimweg treffe ich meine Entscheidung.
Mein Atelier ist ungefähr zwei auf drei Meter groß und nennt sich Küche. Die Küche ist nicht immer als solche erkennbar. Manchmal tausche ich auch den PVC Boden aus, weil Acrylfarbe nicht immer dortbleibt, wo ich sie haben will.
Mit zwei großen Tuben stehe ich vor dem Küchentisch und klatsche Farbe auf eine mittelgroße Leinwand. Immer und immer wieder, bis ich beginne, die Farbe großflächig mit beiden Händen zu verteilen.
„Aha – was ist das? Hat das jetzt sein müssen? Schau dich mal an!“ Jakob und Richard sind wieder da. „Ich denke, du magst kein Grün?“
Ich schaue an mir herunter. Die Jeans kann ich wegwerfen. Von den Schenkeln bis zu den Knien sind die Hosenbeine mit grüner Farbe besudelt.
„Scheißegal!“, schnauze ich. “Das ist ein Spiel! Ein Tannenbaum ist nun einmal grün, auch wenn er in der Wüste einzeln und groß aus einem schwarzen U-Boot wächst!“

© Rolf Höge

Wutbürger

Nach langem Schlaf,

nach stetem Schweigen,

zur Wut, zum Schreien

aufgeweckt,

die Hand zum Gruß

hoch in die Sonne.

 

Am Morgen.

 

Es triumphiert

die elitäre Sonne,

wenn sie Gefährlichkeit,

Wahrhaftigkeit verbirgt,

mit ihrem Glanz

dich trunken macht

und du nur Wärme,

keine Hitze spürst.

 

Am Mittag.

 

Nach ihrem Untergang

vielleicht

magst du erkennen,

wie sie durch Wut geblendet

und Herz und Seele dir verbrannt.

 

Am Abend.

 

Vor dieser dunklen, langen Nacht,

im Schweigen,

das Vergessen schenkt,

als hätt‘ es niemand dir gesagt.

 

Rolf Höge

 

 

Die Pest herrschte nicht in Europa

(Zur Verwendung als Fake-News für Besorgte oder Störche)

Dass in Europa von 1346 bis 1353 die Pest herrschte, ist ein Märchen. Tatsächlich herrschte in Frankreich Philip IV, in England Eduard III und im Heiligen Römischen Reich Karl IV

Überhaupt weiß man seit 1934, dass die Pest nur von einem Schiff bekannt war, das vor der Insel Madagaskar lag. (Man beachte in meiner Schreibweise das ‚Doppel-S‘ nach dem ersten Komma und das einfach S nach dem zweiten Komma. Ich mag eben Kommata mit ihren unterschiedlichen Bedeutungen, Kommas hingegen mag ich weniger).

Gut, also dieses besagte Schiff lag irgendwann vor Madagaskar und hatte die Pest an Bord. Nicht etwa die Mannschaft hatte die Pest an Bord, sondern das Schiff. Wie das Seefahrzeug (ich mag auch meine Eloquenz!) dies nun genau bewerkstelligt hatte, bleibt Anfang der 1930er Jahre noch weitgehend unklar. Man weiß lediglich, dass Wasser in Kübeln, Fässern oder Kesseln faulte und täglich „einer“ – wer immer das war – über Bord ging. Wir gehen heute davon aus, dass dieser „einer“ bereits tot war. Unklar ist jedoch wiederum, wie er unlebendig „über Bord gehen“ konnte.

Angefangen damit hatte ein gewisser Herr Langbein oder der lange Hein, dieser soll der erste gewesen sein, dem dann wiederum täglich „einer“ folgte.

Wie dem auch sei, jedenfalls kam irgendwann ein Schiff an besagtem Seefahrzeug vorbei und konnte keine Schreie der Toten hören, was durchaus verständlich ist. Unverständlich allerdings mag erscheinen, dass jemand von den Toten aufs weite Meer hinausblickt und an ein kleines Mädchen denkt, dass er sich herbeiwünscht, weil er es einmal so heiß geküsst habe. Allein diese Aussage mag doch dem verständigen Europäer die Unsinnigkeit einer Pest im Mittelalter verdeutlichen: Wenn 1934 jemand auf sein Mädchen wartet – auch, wenn er tot ist – dann wäre dieses Mädchen, sofern man die Pest im Mittelalter ansiedeln wollte, etwas über 600 Jahre alt.
Selbst das Dritte Reich dauerte nur 12 Jahre und niemand – weder aus dem ersten noch dem zweiten Reich – hätte die Geduld aufgebracht, so lange auf ein Mädchen zu warten, das man nach 600 Jahren kaum noch erkannt hätte. Nicht einmal die Zerstörung des Tausendjährigen Reiches erst an dessen Ablauf, konnte man in Deutschland abwarten, sondern legte schon innerhalb der ersten 12 Jahre alles in Schutt und Asche.

Zusammenfassend mag man festhalten: Die Pest herrschte nicht in den Straßen Deutschlands, sondern verweilte an Bord eines Schiffes, das vor Madagaskar lag. Schon dies alleine sollte Grund dafür sein, die Geschichte umzuschreiben.

rh

 

Andere Texte, manchmal ernst, manchmal heiter finden Sie auch auf meiner Homepage

 

Auftauchatmen

Nach einem eben überstandenen Herzinfarkt (bereits der zweite) komme ich mit diesem Gedicht, das mir auf dem Krankenbett ‚zugeflogen‘ kam, nach Hause.

 

Im Auftauchatmen

die Seelenlunge füllen

mit Blütenduft

und Vogelgezwitscher

bis der Verstand

wieder auf Sinnsuche geht,

getrennt vom Eigentlichen

als wolle er Jahreszeitenatmen definieren,

denkend, denkend,

denkend,

er spüre

und atmet gar nicht.

 

Rolf Höge

 

 

 

 

 

 

 

Gedanken zur Kunst

 Da ich wegen meiner Homepage oft gefragt werde, was für mich das Schreiben und insbesondere Kunst bedeute, möchte ich hier meine Gedanken zur Kunst zusammenfassen.

Kunst gleicht für mich einer Geburt dessen, was wir an Eindrücken, Erlebnissen und Gefühlen aus der Umwelt aufnehmen. Dies wird unbewusst verarbeitet, transformiert und als etwas neu Geschaffenes wieder an die Außenwelt zurückgegeben.

Innere Glaubenssätze, frühe Prägungen, Wahrnehmungsfilter, aber auch die jeweilige Tagesverfassung beeinflussen dabei den inneren Verarbeitungsprozess und mit jedem Kunstwerk, das geschaffen wird, ist etwas Neues, Individuelles geboren worden.

Diesen inneren Prozessen durch gestalterisches Wirken – gleich welcher Art – Ausdruck zu verleihen, bedeutet für mich Kunst. Viele meiner Texte wurden so geboren.

Wenn ich schreibe, male oder gestalte, wenn ich eigene Songs zur Gitarre singe, wenn ich Text und Bild zusammenbringe, bin ich in Kontakt mit mir und dem, was in mir ist. Ich erlebe das als etwas sehr Persönliches, Eigenes und ich bin durchaus geneigt, diese Prozesse als meine individuelle, spirituelle Erfahrung zu bezeichnen. Eine andere Definition dafür finde ich zurzeit nicht.

Rolf Höge

Ludo ergo sum – Ich spiele, also bin ich

Nach meinem Herzinfarkt enteckte ich für mich, dass ich mich durch absolut nichts von der Masse abhebe, dass wir uns alle nur auf einem Spielfeld bewegen, zu dem Zwecke, dieses Spiel zu spielen, das man Leben nennt.

Jeder einzelne wird auf die eine oder andere Weise das Spielfeld verlassen, niemand bleibt. – Daher liegt der Sinn für mich weder in der Verklärung oder Verschleierung des Spiels, noch darin, ständig an das Spielende zu denken. (Obwohl ich selbst immer wieder darüber nachdenke). – Den Sinn sehe ich darin, aktiv mit Ethik und Charakter an diesem Spiel teilzunehmen, nicht nur zuzuschauen oder an mir vorbei spielen zu lassen. Das ist schwer genug, verdammt schwer. – Doch wenn ich über das DANACH nachdenke, fehlt mir irgendwie die Zeit für das Spiel.

Einen Teil dieser Spielgestaltung stellen meine Texte und meine Autorenlesung dar.

Ludo ergo sum! – Ich spiele, also bin ich.

(c) Rolf Höge

 

Schön, wenn ihr zu mir findet

Nun beginne ich auch auf meiner eigentlichen Homepage zu bloggen.  Manche Leser störte der Blogname ‘Laienautor‘.  Also habe ich beschlossen, zweigleisig zu fahren: ich schreibe sowohl auf dem einen wie auf dem anderen Blog. Was nicht heißen soll, dass die Blogeinträge identisch sein werden. Gerne verweise ich dabei auch auf meinen Ratgeber „Trocken. Was nun? – Wege in eine zufriedene Abstinenz„. Sicherlich können auch Auszüge aus diesem Buch interessant sein und ich werde das in meinen Blogeinträgen berücksichtigen.

Aber hauptsächlich will ich auf  meiner Homepage in unregelmäßigen Abständen mitteilen, was mir so im Kopf herumschwirrt und auf diese Weise meine Gedanken ‚freilassen‘, den Kopf freischreiben von Gedankenflut, von Blitzlichtern im Kopf. Auf die gleiche Weise entstanden meine Lesetexte, die zum Nachdenken anregen dürfen, aber auch das Schmunzeln nicht außer Acht lassen.

Meine freigelassenen Gedanken, niedergeschrieben in Kurzgeschichten, Glossen und Gedichte ermöglichen mir während einer Autorenlesung die Begegnung zum Leser. In meinem Buch „Freischreiben“ habe ich Texte, die so entstanden sind, zusammengetragen und unter der ISBN-10: 3745094352 veröffentlicht.

Da ich in Mannheim geboren bin und perfekt „Monnemerisch“ spreche, sind in „Freischreiben“ auch Gedichte und Prosa in diesem Dialekt zu finden, wie beispielsweise das Gedicht „Vun de Sunn“

Donn gucke mer mol, ob’s hiehaut. (Sehen wir mal, ob es funktioniert). Ich würde mich freuen, wenn ihr den Weg auf meine Homepage finden würdet.

Herzliche Grüße Rolf