Wer weiß das schon

Wer sagt denn, etwas müsse so sein, wie es zu sein hat? Kennst du ein Gesetz, ein Regelwerk oder zumindest eine Gesetzmäßigkeit, die verbindlich festlegt, wie Dinge zu sein haben, damit sie so sind, wie sie zu sein haben?

Du willst, dass ich aufhöre zu philosophieren, weil du das nicht mehr hören willst, weil du nicht mehr diskutieren willst über die Dinge?

Es liegt doch auf der Hand, wie etwas ist, das weiß doch jeder, sagst du. Jeder weiß, wie etwas zu sein hat. Und wenn er es doch nicht weiß, dann kann er es ja lernen, wie es zu sein hat, meinst du. Und dann ist es eben so, wie es ist, und wahrscheinlich ist es dann auch so, wie es zu sein hätte, vorher und danach auch wieder, nachdem es dann gelernt wurde. Dann ist es wieder so, wie es zu sein hat.

Alles kann man lernen, auch wie die Dinge sind, kann man lernen. Das sieht man doch, das muss man nur annehmen, sagst du.

Vielleicht können aber nicht alle annehmen, wie es für dich zu sein hat, weil sie es anders beigebracht bekommen haben, wie etwas zu sein hat? Wie ist es denn dann, wie wäre es denn dann, wie hätte es denn dann so zu sein, wenn jemand sagt, etwas müsse so sein, wie es zu sein hat? Ist es dann so wie es ist oder wieder bloß, wie es zu sein hat? Wer weiß das schon, wenn niemand festgelegt hat, wie etwas sein muss, damit es so ist, wie es zu sein hat.

© Rolf Höge

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Etikettenlos

Ich mag nicht, wie ich mich heute fühle, kann es nicht beschreiben, nicht erfassen, dieses Gefühl. Mir fehlt das Etikett dazu, die Benennung.

Unbehaglich, ein Ausdruck, der meiner Innenwelt sehr nahe kommt, letztendlich jedoch auch nur unzutreffend ist.

Eine von diesen namenlosen, unbehaglichen Emotionen, die täglich wie Blitze in mich einschlagen und mich zum Stehenbleiben zwingen in meinem Tagewerk.

Und dann fühle ich.  Und dann bin ich. Etikettenlos, eben. /rh

 

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Die Depressionsinsel

Heute trage ich sie zu Grabe. Heute, am Karfreitag, beende ich ihre Daseinsberechtigung. Gestern schon, als ich mir zugestand, dass ich mir ein neues Fahrrad wert sein darf, zeichnete sich ihr Ende ab.

Jahrelang leistete sie mir gute Dienste, war immer für mich da, wenn das Leben mit seinen Wogen über mich herein brach, mir mit Verletzung oder gar dem frühen Tod drohte. Sie richtete mich scheinbar auf, wenn ich Ablehnung erfuhr. Sie hüllte mich geborgen ein und verlangte mir kein Handeln ab.

Sie nährte meine Verlustfantasie, rechtfertigte die Dunkelheit um mich herum, die verschlampte Couch, die Schokoladenflecken, meine Fettleibigkeit und das nach Abwasch schreiende Geschirr in der Küche. Sie sorgte für mein schlechtes Gewissen, das mich stets wieder zu ihr führte. Sie war schneller als jedes Selbstwertgefühl, das in mir hochstieg, machte mir einerseits meine Winzigkeit bewusst und katapultierte mich andererseits nach jeder scheinbaren Niederlage in den Größenwahn. Hier war ich Opfer, hier durfte ich sein: auf meiner Depressionsinsel.

Ich trage sie heute zu Grabe und mit ihr das Opfer mit seinen Verlustfantasien. Dankbar gebe ich ihr das letzte Geleit. Sie zeigte mir die Schatten, ließ mich überleben. Sie stirbt für mich, als Vorbereitung auf die Lebendigkeit, die durch ihren Tod nun in mir auferstehen kann.

© rh

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Blödes Spiel

Manchmal lerne ich Menschen kennen, die ihre Bestimmung oder ihre Berufung im Leben offensichtlich gefunden haben. Da lächelt mich die Marktfrau an, der man überhaupt nicht ansieht, dass sie schon seit drei Uhr morgens auf den Beinen ist. Abends kommt der Pizzabote, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat.

Und da bin eben ich mit hängenden Mundwinkel, fast erschlagen von soviel Fremdzufriedenheit. Auch ich kannte einmal das Gefühl, endlich angekommen zu sein, vergaß dann jedoch, weiter zu gehen. Und jetzt renne ich meiner Bestimmung hinterher. Blödes Spiel…

© rh

Gerne lese ich in Ihren Räumlichkeiten eine Auswahl meiner Lyrik und Kurzprosa aus zwei Jahrzehnten Textarbeit. Lesezeit: ca. 1 Stunde.