Berührungen

Berührungen-Cover2-Vorders-epubliWorte berühren auf unterschiedliche Weise. Sei es das gefühlvolle Liebesgedicht, die szenische Skizze einer betroffen machenden Realität oder die Humoreske, die zum Schmunzeln einlädt.

Wenn sich die Wege des Autors und des Lesers für kurze Zeit kreuzen, ist es die Berührung durch den Text, die Begegnung zulässt.

„Es ist das Herz des Dichters, das die Worte schafft. Nicht der Reim, Gefühl hat Kraft“.

Meine Autorenlesung habe ich nun aktualisiert und unter das Motto ‚Berührungen‘ gestellt.

Menschen, die meine Texte respektieren und gerne zuhören, stellen für mich eine besondere Art der Berührung dar: eine Begegnung mit dem Ziel, sich durch Worte auf die eine oder andere Weise näher zu kommen und sei es auch nur für die Zeitspanne eines Abends.

Lesezeit: ca. 40 Minuten. Für Fragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Fühlen Sie sich frei, mit mir Kontakt aufzunehmen.

Kontaktinformationen finden Sie auf meiner Homepage
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Übrigens trete ich auch gerne mit Menschen in Kontakt, die sich vorstellen können, eine solche Lesung musikalisch mit aufzulockern. Denkbar ist auch die Kreation eines musikalischen Hintergrundes zu meinen Texten. Bei allem sollte der Spass im Vordergrund stehen. Vielleicht entwerfen wir gemeinsam etwas Neues…zumindest für uns 🙂

Ich hab‘ noch was zu sagen

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Ich hab‘ noch was zu sagen

Jetzt wieder rein mit dem Zeug, runter damit, bis du Scheiße denkst. Bis du nachher beim Gehen kotzt. Wenn’s geht noch auf die Klamotten. Damit auch jeder schön sehen kann, was für ein Penner du bist.

Die Frau ist ja schon weg. Hast du so entschieden – für sie, durch deine idiotensichere Methode. Selbstverständlich, dass sie an allem die Schuld trägt. Hätte ja bleiben können. ”In guten wie in bösen Zeiten…”

Beziehung! Hohl und lächerlich klingt es, den Bezug zu sich selbst schon lange verloren, den Wunsch nach Veränderung in der Trägheit erstickt, die Eigenbewegung aufgegeben, und die gefühlten Ketten haben Glieder aus Glas: leere Bierflaschen, aneinander gereiht.

Hat anscheinend noch nicht gereicht die Brühe. Was fehlt ist feeling. Echt gutes feeling. Also her damit, du hochintelligenter Mensch! Quarz, shit – oder wie immer du es nennst. Du weißt ja selbst, dass du drauf bist. Oder nicht? Oder vielleicht? – Hauptsache du lachst hinterher, lachst blöd, idiotisch, mit verzerrtem Gesicht und dämlichem Grinsen.

Hab ich ja alles selbst erlebt, kann ich ein Lied von singen. Wie das so ist, wenn dein Bettlaken morgens klatschnass ist vom Schwitzen. Wenn du deinen Kumpel etwas fragst, und er dir keine Antwort gibt, weil er gar nicht da ist.

Bis du eines Tages diese Auflehnung in dir spürst, die dich ruft, die dich fordert. Dann hörst du auf zu kämpfen. Kapitulierst, lässt endlich los. Auf einmal hast du Luft. Eine geöffnete, sprudelnde Sauerstoffflasche mitten im Kopf. Frei! Rund um dich herum – Leben! Überall, vierundzwanzig Stunden am Tag, – und du mitten drin!

So viel Leben, dass du schreien möchtest. Schreien, weil’s weh tut. – Angenehm weh!

© Rolf Höge

Von der roten und der blauen Seite

Stell dir vor, du betrachtest die eine Seite einer Scheibe. Sie ist rot. Die andere Seite ist blau. Und die blaue Seite betrachtet ein anderer Mensch. Du weißt, eine Scheibe hat zwei Seiten. Trotzdem wirst du den anderen nicht davon überzeugen können, dass deine Seite rot ist. Und umgekehrt wird er dir das Blau seiner Scheibenbetrachtung nicht näherbringen.

Es wird zu einer reinen Glaubensfrage, solange niemand seine Position wechselt.

Eigentlich eine Binsenweisheit, aber darin liegt die Saat für Vorwurf, Ärger, Wut, Verleumdung, und sogar Kriege können entstehen, weil niemand bereit ist, seine Betrachtungsweise zu ändern.

© rh

legt die blume auf die gräber

die
rote fahne
zeugt
vom
roten blut

die
rote nelke
blutet
nicht mehr

legt
die blume
besser
auf
die gräber

lasst
die toten
ihre
fahne schwenken
damit
sie
weiter lebt

© rh

Ein paar Gedanken zum 1. Mai, dem „Tag der Arbeit“.
Wenn Sie sich für meine Texte interessieren, besuchen Sie doch auch einmal meine Homepage und informieren sich über eine Autorenlesung.

Und löscht das Licht

In Lächeln getauchte
Sanftheit,
so berührend nah!
Strahlende Augen
erwecken.

Hell und warm,
die brennenden Fackeln
des Sehnens.

Angst vor Mehr
regnet in meine Träume
und
löscht
das Licht.

(rh)

Gerne dürfen Sie auch meine Homepage besuchen. Dort finden Sie weitere Texte und Informationen zu meiner Autorenlesung.

Ein stinknormaler Tag

EIN STINKNORMALER TAG
oder
GEDANKENFLATTERN, NENNE ICH DAS

Ich habe rasende Kopfschmerzen, als ich aufwache. Meine Lippen sind heiß und aufgesprungen und ich spüre den Brand im Mund.
Die Nacht oder besser, die wenigen Stunden, in denen es noch dunkel war, habe ich auf der Wohnzimmercouch zugebracht. Fürs Bett hat es nicht mehr gereicht, nach diesem Rausch.
Ausgeschlafen bin ich nicht. Mein Körper ist müde und erschöpft, aber das Gehirn findet keine Ruhe. Wortfetzen klingen in meinen Ohren, Erinnerungen steigen bruchstückhaft auf, wechseln sich ab, ziehen vorbei. Bilder, Abläufe, Blitzlichter im Kopf: Gedankenflattern, nenne ich das.
Mit der rechten Hand lange ich hinüber zu dem kleinen Glastisch neben der Couch, der immer häufiger als Müllhalde mißbraucht wird. Den Rest aus einer Bierflasche schütte ich gierig in mich hinein.
Irgendwo auf dem Tisch ertaste ich eine Filterzigarette. Langsam, mit Rücksicht auf meine Kopfschmerzen, stehe ich auf.
Mir ist speiübel. Kaffee, denke ich, während ich mir die Zigarette anzünde.
Aus dem Spülbecken in der Kochnische stiert mich der Abwasch mehrere Tage an. Aber mit dem Kopf ist an Abwasch wieder einmal nicht zu denken. Da geht gar nichts!
Zwischen ein paar Tellern mit eingetrocknetem Kartoffelbrei und verhärteten Nudeln finde ich eine Tasse und spüle sie unter fließendem Wasser aus.
Dann setze ich den Kaffee auf. Wenn wenigstens noch eine Flasche Bier im Hause wäre!
Ich bekomme langsam Magenschmerzen und quäle mich ins Bad. Mir wird sofort schwindelig, als ich mich in die Toilettenschüssel übergebe.
Kalter Schweiß läuft mir über den Nacken. Ich habe Schüttelfrost und zittere wie Espenlaub. Meine Haare glänzen vor Nässe und ich spüre wieder den altbekannten Druck in der linken Bauchseite unterhalb des Rippenbogens.
Während meine flatternden Hände am Waschbecken Halt suchen, ziehe ich mich vorsichtig hoch.
Rotunterlaufene Augen starren mich aus dem Spiegel an. Ich drehe den Wasserhahn auf, forme meine Hände zu einer Mulde und tauche das Gesicht in das Wasser, das sich darin sammelt. Es tut gut, wenn die Wangen gekühlt werden!
Weil ich kaum Luft bekomme, atme ich mit geöffnetem Mund, als ich merke, dass sich mein Durchfall wieder meldet. Seit ungefähr zwei Monaten bekomme ich immer häufiger Durchfall. – Scheiß Leber!
Die allmorgendliche Prozedur im Bad dauert fast eine halbe Stunde.
Dann schlürfe ich im Wohnzimmer meinen Kaffee, die Tasse mit beiden Händen festhaltend, zwischen leeren Bierflaschen und auf dem Tisch ausgedrückten Zigarettenkippen. Mir ist elend heiß!
Ich wühle aufgeregt in den Taschen meiner Jeans. Gestern war ich nicht einmal mehr in der Lage, die Hosen auszuziehen.
Ich suche nach einer Schmerztablette. Wenn schon kein Bier mehr da ist, dann zumindest eine Schmerztablette. – Ich finde keine!
Doch als ich die Zigarette im Ascher ausdrücken will, sehe ich neben einer zerknüllten Zigarettenpackung etwas kleines, rotes liegen: eine X-112.
X-112 ist ein Appetitzügler, den es früher in Tropfenform gab. Heute erhält man die Tropfen nur noch auf Rezept. Die Dragees hingegen kann man so kaufen. Ich nehme sie jetzt schon fast zwei Jahre regelmäßig. Natürlich nicht, weil ich gerne abnehmen möchte, ich habe ja nur noch 57 Kilo, sondern weil sie ganz schön anturnen.
Man bekommt ein herrliches Kribbeln auf der Kopfhaut und fühlt sich echt gut drauf. Wenn ich ein paar X-112 genommen habe, fange ich an zu reden und zu reden.
Drei bis vier Tabletten, mit einer Cola oder Kaffee genommen, sind gerade richtig, damit ich fit werde. Und das mehrmals am Tag!
Manchmal könnte ich schreien! Ich komme von dem Zeug nicht mehr los!
Von Fixern wird X-112 manchmal als Ersatz genommen. Sie kratzen einfach die Lackschicht der Dragees ab, kommen damit an die reine Substanz, lösen diese in Wasser auf und dann wird es gespritzt.
Soll immer noch besser als ein schlechter Schuß sein, hat mir ein Kenner gesagt.
Ich schlucke also die einzige Tablette, die ich gefunden habe und trinke den restlichen Kaffee aus. Dann ziehe ich meine Stiefel an. Seltsam, die hatte ich ausgezogen. Dann verlasse ich mit dreißig Mark, die ich noch besitze, die Wohnung.
Auf der Straße blendet mich die Sonne. Es wird ein heißer Tag werden, denke ich. Da wird heute einiges los sein im Park.
Im Park ist ein Kiosk. Da treffen wir uns fast jeden Tag. Wir, das sind fast alle Alkoholiker aus dem Wohngebiet.
Ich glaube, ich bin einer der wenigen von denen, die noch nicht im Knast waren und wohl der einzige, der noch seine Arbeit hat. Die möchte ich auch nicht verlieren. Ich bin froh, ein paar Tage frei zu haben, sonst hätte ich mich heute morgen wieder krankmelden müssen, weil ich viel zu spät aufgewacht bin. Und im Betrieb machen die das nicht mehr lange mit.
Aber für das Kiosk ist es noch zu früh. Es öffnet erst mittags und ich brauche j e t z t etwas zu trinken. – Oder zumindest Tabletten.
Ich wohne in der Nähe einer Kaserne. Nicht weit davon ist eine kleine Kneipe. ”Zur kleinen Kaserne” heißt sie. Neben Amerikanern verkehren dort hauptsächlich die Typen aus dem Park. Ich weiß, Roland, so heißt der Wirt, macht um neun Uhr auf. Eine halbe Stunde noch. Diese Zeit muss ich überbrücken.
Also liegt mein nächster Weg schon fest: die Apotheke ist nur zwei Gehminuten von meiner Wohnung entfernt.
Dem Apotheker scheint es gleichgültig zu sein, wenn ich alle paar Tage X-112 verlange, obwohl ich schmal wie ein Handtuch bin.
Unterwegs geht die übliche Rechnerei los. Dreißig Mark habe ich. Davon gehen zwanzig weg für die Tabletten und vier Mark für Zigaretten. Mir bleiben also noch sechs Mark. Das reicht gerade für zwei ”Halbe” Bier, was natürlich nicht genug ist. Aber wenn der Kiosk heute mittag öffnet, kann ich bei Anita bestimmt auf Kredit trinken. Sie weiß, dass sie das Geld irgendwann wieder bekommt. Und ich werde bestimmt als erster im Park sein.
Nachdem ich mir in der Apotheke die Tabletten besorgt habe, schlucke ich gleich drei davon und gehe dann in Richtung ”kleine Kaserne”. Ich komme gerade richtig, als Roland das Lokal aufschließt.
Das erste Bier trinke ich in zwei großen Schlucken und bestelle gleich das zweite. Dann geht es etwas langsamer. Ein Bier kostet zwei Mark vierzig. Für das dritte Bier fehlen mir also noch eine Mark und zwanzig Pfennige. Und Roland gibt nichts auf Kredit.
Ich schwätze belangloses Zeug mit Roland und nach zwanzig Minuten ist mein Bier leer.
Doch ich habe Glück. Roland scheint heute seinen gutmütigen Tag zu haben und gibt einen Asbach aus. – Ein Hütchen, wie wir sagen.
Nach dem Hütchen will ich gerade gehen und irgendwo einen Kumpel aufreißen, der Kohle hat, als Andreas zur Türe hereinschwankt. Er hat schon einiges geladen, also hat er Geld! Ich haue ihn sofort an, ob er einen aus gibt, und Andreas gibt einen aus!
Wie sich dann herausstellt, kommt er mit hundertvierzig Mark Sozialhilfe direkt vom ‘Sozel’, dem Sozialamt.
Ich weiß, was das für uns bedeutet: bis zum Nachmittag werden wir davon mindestens hundert Mark naß gemacht haben. Wir werden beide stockbesoffen sein. In den Park werden wir heute nicht gehen. Und die restlichen vierzig Mark werden wir auch noch los werden.
Und morgen? Morgen? Na ja. – Wenn ich morgen aufwache, werde ich rasende Kopfschmerzen haben und heiße aufgesprungene Lippen. Ich werde den altbekannten Druck in der linken Bauchseite spüren, und mein Durchfall wird sich wieder melden. Mein Körper wird müde und erschöpft sein, das Gehirn keine Ruhe finden.
Bilder, Abläufe, Blitzlichter im Kopf:
Gedankenflattern, nenne ich das…

© Rolf Höge

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Stirb!

„Stirb!“
„So lange es dich gibt? Ich bin immer da.“
„Rede keinen Stuss! Ich brauche keine Traurigkeit. Gestern warst du nicht da.“
„Da warst du wütend. Das ist dasselbe.“
„Und vorgestern, he? Was war vorgestern?“
„Du warst fröhlich und ausgelassen, voller Lebensfreude, und…das ist dasselbe.“
„Stirb!“
„Ich bin stets dasselbe Gefühl. Du gibst mir das Etikett. Du entscheidest, in welchem Gewand ich dir begegnen soll.“
„Ach, leck mich am Arsch.“

© rh

Hauptsache eins achtzig groß

Hauptsache eins achtzig groß und in der Lage, Laminat zu verlegen. Mehr erwartet sie nicht, die moderne, Rollenbilder ablehnende Frau mit Höhenverschiebung im Blick. In der Beziehung auf Augenhöhe darf dann schon mal eine Steigung dabei sein, damit sie auch schön hoch blicken kann, wenn er gerade mal wieder fremdgegangen ist. Hauptsache eins achtzig groß und in der Lage Laminat zu verlegen. Und wenn er dann davon verschwitzt auch noch eine Bierflasche halten kann, wirkt er sogar noch richtig sexy.

Natürlich scheint es bei aller Größe allerdings äußerst wichtig, dass der Ausgewählte sich selbst gegenüber aufgeschlossen ist und Gefühle zeigen kann. Man staune: Gefühle! – Himmel nochmal, Ärger ist wohl kein Gefühl, was? – Ärger ist ein sattes Gefühl, meine Damen, aber so etwas von satt!

„Das ist Dominanz, das ist Machtanspruch.“, meint dazu die Ich-weiß-was-ich-will-Frau, „Deshalb sei still und verleg weiter Laminat!“

Mensch, was habe ich die Nase voll. Ich kann es nicht mehr hören. Immer dasselbe Beuteschema und dann ständig dasselbe Gejammer. Aber Hauptsache eins achtzig groß. Als durchschnittlicher Wissenslevel für den maskulinen Riesen reicht es schon aus, dass er weiß, ein Buch besteht aus bedruckten Seiten. Mehr braucht es ja auch nicht für’s Laminatverlegen. Lesen muss der Zukünftige nur am Laptop können.

Echt, Leute, ich kann das Gejammer nicht mehr hören. So ist das nun einmal: wenn Frau immer dasselbe sucht, bekommt sie das, was sie schon immer bekommen hat.Deshalb kann ich es nicht mehr hören, dieses Gejammer!

Selbstverständlich gibt es da noch die anderen femininen Geschöpfe mit normaler Blickrichtung, für die solch maskuline Attribute nebensächlich sind: die Mütter.

Himmel, was sind in dieser Welt Mütter unterwegs, die ständig Ziehsöhne suchen. Sie wollen dir die Welt erklären, wissen ganz genau, was für dich richtig und gut ist. Wenn du mal einen Schweinshaxen verdrückt hast und mit ein paar Gramm zu viel auf den Rippen durch die Gegen wackelst, raten sie dir, die Schilddrüse untersuchen zu lassen, denn bei Ilse, Gerda oder Erna war das ähnlich und hatte überhaupt nichts mit dem Verzehr von unzähligen Sahnetorten zu tun.

Ich frage mich, wie ich überhaupt so alt werden konnte. Ich weiß ja gar nichts. Ich bin überhaupt nicht überlebensfähig in dieser schrecklichen Welt. Lasset die Mütter zu mir kommen…

Ich habe auf all das kein Bock mehr. Mittlerweile bin ich single-gebildet in einem männlichen Single-Haushalt mit einer Single-Erfahrung, die mir keine Mutter der Welt mehr wegnimmt.

Ich weiß nun, dass Bügelwäsche im Schrank nicht schimmelt und sehr lange lagerfähig bleibt. Durch Fensterscheiben kann man immer durchsehen, selbst wenn sie verschmutzt sind. Und wenn du durch das Küchenfenster nur auf die Hauswand des Nachbarn blickst, reicht es, wenn du dich zweimal im Jahr diesen Scheiben widmest. Wenn du nach sechs Wochen die Wohnung putzt, weil sich Besuch angemeldet hat, wird es genauso sauber als würdest du es täglich machen. Dauert eben nur etwas länger. Diese Zeit hast du aber vorher beim Nichtstun locker herein geholt.

Ich habe eben keinen Bock mehr auf Verstehen, auf Verständnis, auf Empathie. Ich kann das Gejammer nicht mehr hören.

Suchen? Wer sucht denn hier nun wen? Ich suche nicht! Und vor allem werbe ich nicht um irgendwelche Gunst! Ich bin weder Jäger noch irgendein Minnesänger, der die Angebetete im Elfenbeinturm bezirzen will. Wenn sich irgendeine der Holden für mich interessiert und mit meiner Einwilligung meinem Single-Dasein ein Ende setzen will, soll sie einfach mal die Hand heben! Zeig dich! Ich bin nämlich kein Hellseher!

Wenn ich überhaupt etwas suche, dann genau diese erhobenen Hände. Wobei diejenigen, die mich die ganze Zeit aufgrund der Blickverschiebung übersahen, gerne die schlanken Fingerchen unten lassen dürfen. Es stehen genug Laminatverleger bereit, die in das Beuteschema passen und deren Kommunikationsfähigkeit sich auf das Anklicken eines Profils im Internet beschränkt. Auf die übliche Kontaktaufnahme „Hi, wie geht’s?“ möchte ich hier gar nicht näher eingehen.

Nebenbei bemerkt sind es ja dann doch immer die Männer, die immer nur das Eine wollen, ständig nur das Eine suchen. – Ich kann es nicht mehr hören, dieses Geschwätz, dieses Gejammer.

Ich muss hier raus. Ich muss raus aus diesem Badezimmer! – Es ist nicht normal, dass ich hier seit gut einer halben Stunde verbissen mein Spiegelbild ankeife und mir selbst einen Vortrag halte. Das ist nicht normal!

Ich muss hier raus. Ich kann das alles nicht mehr hören. Es betrifft mich nicht: ich habe Teppichboden.

© rh

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