überall

wortlos abgewandt

gleicht wirksam

dem gebrüll

das den raum stiehlt

für sprache –

bis tränen ersticken

jeglichen sinn und vertrautheit

 

durchgelaufene sohlen

begründen den entsorgten schuh

abgelaufene zeiten

den vorwurf

im anschweigen

 

so leer

wie die seele schreit –

und muss doch schweigen

überall bist du

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von der qual des dichtens

lockt der vogel

mit dem schnabel

früh im wald die vogelin

spüre ich

von kopf bis nabel

darin liegt des dichtens sinn

 

erscheint die ferse

mir im verse

fühl ich wohl die reimreserve

brodelnd heiß in meinem kopf –

erschafft den fuß und auch den kuss

weil’s sich eben reimen muss

 

 

Proud Mary kocht was Gutes

Du denkst an nichts Schlimmes und da steht sie plötzlich vor dir. Nicht so wie du sie von früher kennst, nein, sondern mit satten Rundungen um die Hüften, kurz geschnittenem Haar und einem breiten Grinsen im Gesicht.

„Kennst du mich noch?“, säuselt sie. Weshalb sollte ich sie nicht kennen. Ich hatte sie ja angebetet, damals in der siebten Klasse. Wie sie während des Englischunterrichts immerfort mit ihrem langen, gewelltem Haar spielte, mit ihren strahlenden Augen lachte, und wie sie durch ihre zum angehenden Weibe erwachten Figur Signale an alle Jungs der Welt aussandte, wenn sie im Pausenhof zu Proud Mary von Tina Turner tanzte.

„Die Hanna!“, sage ich und reiche ihr die Hand.
Statt mir die Hand zu geben, tätschelt sie sich leicht die Hüften.
„Ja, die Hanna“, meint sie, “und mit den Jahren bin ich ein wenig rundlich geworden. Meine gute Küche, sagt mein Mann. Du hast dich aber kaum verändert.“
„Och, ja“, heuchele ich Verlegenheit. “Bin auch älter geworden. Was machst du so?“
„Verheiratet, zwei Kinder und eine Enkelin.“
„Toll.“
„Ja, toll. Die Kleine kommt jetzt schon bald in den Kindergarten. Und du?“
„Zweimal geschieden, aber auch Kinder.“
„Musst du zahlen?“
„Nein, für die Kids nicht mehr, aber für die Ex immer noch. Die ist krank.“
„Aha. – Na ja, melde dich doch mal. Kannst ruhig mal vorbei kommen. Ich koche uns auch was Gutes. Dann lernst du auch mal meinen Mann kennen.“

Als sie weggeht, schaue ich auf ihre Hüften, die Beine entlang bis hinunter zu ihren dunkelblauen, flachen Schuhen, in denen sich ihre mir breit erscheinenden Füße verstecken, um Schritt für Schritt vor sich hin zu tapsen. Da ist nichts mehr von Weiblichkeit, keine Tina Turner für pubertierende Jungs. Da schwingen keine subtilen Aufforderungen mehr mit den Hüften, da wurden die siebziger Jahre abgeschüttelt als hätten sie nie existiert, und alle Frauenpower verpufft in der traditionellen Mama, Hausfrau und Oma.

Ihren Mann kann ich kennen lernen, sagte sie, und sie koche auch was Gutes.

‚Oh, Hanna‘, denke ich, ‘wann hast du nur kochen gelernt? ‘

© Rolf Höge

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Ist das Kunst?

Ob es Kunst ist, was ich erschaffe, fragte mich vor kurzem ein Kollege. Ich zuckte die Schultern, denn tatsächlich habe ich keine Ahnung, ob das, was ich da ab und an kreiere, die studierte Fachwelt als Kunst bezeichnet, nicht einmal, wer zu dieser sogenannten Fachwelt zu zählen ist.

Schreiben, wenn mir danach ist, abstrakt malen, wenn mir danach ist, texten und singen, wenn mir danach ist. Eindrücke aufnehmen, verarbeiten daraus etwas Neues schaffen, womit der eine etwas anfangen kann der andere vielleicht weniger. So ungefähr läuft das ab.

Mir steht ein Gehirn zur Verfügung, das Prozesse wie ein Computer verarbeitet. Die Software, die verwendet wird, enthält meine Fähigkeit, zu produzieren sowie meine inneren Glaubenssätze, frühe Prägungen und meine Wahrnehmungsfilter, auf denen sich der Verarbeitungsprozess aufbaut. – Das ist schon alles. / rh

Hand-Zeichnung

Ich lade Sie gerne ein, auch meine Homepage zur Autorenlesung zu besuchen.

Aus meinem Projekt ‚Briefwechsel‘

…’Lege deinen Kopf in meinen Arm,‘, möchte ich zu ihm sagen, ‚es gibt nichts zu tun, fange an zu erzählen und wenn es dir gut tut, dann weine.‘

Seit Stunden liege ich wach und denke an meinen Sohn. Nicht an den erwachsenen Sohn, der Häuserwände beschmierte, in Kaufhäusern Parfum stahl, um es an der nächsten Straßenecke zu verkaufen für den nächsten Joint, oder ein bisschen Heroin. Nicht den Sohn, der den Vater so oft belog, kein Versprechen einhielt, wiederholt Suchttherapien abbrach und konsequent den Weg in die Gefängniszelle ging.

An mein Kind denke ich, das ich immer in mir trage an jenem Ort tief in meiner Seele, den ich nicht zu benennen vermag und der so voller Kraft ist und Geborgenheit, dass sich mein Kind dort ausruhen kann, auch wenn sich Eisentüren hinter ihm schließen und die Verletzungen, die es mir zufügte, jetzt gerade brennend nach dieser Flüssigkeit schreien, mit der ich den Schmerz betäuben und ihm für eine Weile entfliehen könnte. Flucht, welch hässliches Wort, doch wie erleichternd für den Moment. Doch der Saufdruck entpuppt sich als ein lediglich vorbeihuschender Gedanke, nicht wert, länger als die Dauer eines aufflammenden Blitzlichtes bei mir zu verweilen.

‚Ruhig, ruhig mein Sohn, schlafe wieder, lege deinen Kopf in meinen Arm und schlafe weiter.‘ – Wo ist der Vater für mich, der einfach nur für mich da gewesen wäre? Mutter, wo bist du? Ich möchte mich einfach nur ausruhen, nur ausruhen. Nein, keine Worte, Mutter, nicht schon wieder Worte, die erklären, was ich nicht auch schon weiß, nicht wieder diese hilfsbereite Erbarmungslosigkeit.

Diese Nacht! Wenn die stummen Schreie in mir gehört werden, kann ich vielleicht endlich loslassen. Dieses zwanghafte Umklammern meiner Gedankenströme. Wie sehr ich mich aus der Einsamkeit heraus wünsche. Keine Kälte mehr, nur warmes Verlangen nach mir, nach dem einzigen Vertrauten. Ihr seid ja alle so weit weg, doch wolltet ihr näher kommen, ich wüsste es zu verhindern.

Ich bin stumm. Und die Nacht schreit so laut, dass ich nicht schlafen kann.
Manchmal gibt es eine stumme Übereinkunft, ein gegenseitiges Wissen. Manchmal, ja manchmal ist es auch wichtig zu hören: ‚Du – ich hab‘ dich lieb.‘

Gerade dann, wenn alles durcheinander läuft…

(rh)

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Gib jedem Schritt seinen eigenen Sinn

Authentische Texte, gefühlvolle Lyrik und wohltuende Heiterkeit waren das Rezept für eine Begegnung zwischen Autor und Leser während der Autorenlesung in der AHG Klinik in Bad Dürkheim, bei der auch der Dialog zwischen den Texten seinen Raum fand und gerne genutzt wurde.

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„Wir sind uns heute wirklich begegnet.“ meinte dazu eine Teilnehmerin. Der Erfolg der gut besuchten Lesung spiegelte sich auch in dem vielfältigen Wunsch der Signaturen im anschließenden Buchverkauf wieder

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‚Gib jedem Schritt seinen eigenen Sinn‘ war eine häufig gewünschte Widmung, die ich den Teilnehmern in das Buch „Berührungen: Lesetexte“ schreiben durfte.

Berührungen-Cover2-Vorders-epubliDas Buch „Berührungen: Lesetexte“ ist im Buchhandel unter der ISBN 978-3844273793 erhältlich.

Sollten Sie auch Interesse an meiner Autorenlesung haben, nehmen Sie bitte über meine Homepage Rolf-Hoege.de mit mir Kontakt auf.