Wie alles begann

Es war zu jener Zeit, als ich noch mit Old Shatterhand durch den Llano Estacado ritt und Kakteenfelder anzündete, um es regnen zu lassen. Zu jener Zeit, als ich Freitag auf meiner Insel Deutsch lehrte, während Bohnen mit Rindfleisch über dem Feuer garten. Zu jener Zeit als ‚agcricola convivam exspectat‘, der erste Satz aus ‚Fundamentum Latinum‘, Ausgabe B, Band 1, sich so tief in mein Unterbewusstsein gegraben hatte, dass ich ihn heute noch im Schlaf als ‚der Bauer erwartet den Gast‘ übersetzen kann. Außer diesem ersten Satz im Lateinbuch fanden in der Folge allerdings keine weiteren, lateinische Vokabeln oder gar Grammatik-Regeln ihren Weg in mein Gehirn.

Die Uhr zeigte kurz gegen Elf-Uhr-Fünfzehn, und ich bereitete mich mit einem gekonnten Redebeitrag darauf vor, die Klasse vorzeitig verlassen zu müssen, weil ich wusste, dass in der Mädchen-Realschule nebenan in wenigen Minuten die Hofpause eingeläutet werden würde.

Dieses Mal nahm ich mir vor, unseren Mathe-Lehrer davon zu überzeugen, dass all seine Ausführungen an der Schiefertafel nur dann wirklich sinnvoll seien, wenn in der Summe Eins plus Eins tatsächlich Zwei ergeben würden. Hätte man sich aber damals, als die Mathematik erfunden wurde, auch nur ein einziges Mal geirrt, so gab ich zu bedenken, und Eins plus Eins ergäbe in der Summe gar nicht Zwei, sondern vielleicht „Hmm“ oder „Hupp“, so würden alle mathematischen Krakeleien an der Tafel von selbst ad absurdum geführt. Mathematik sei für mich genau aus diesem und vielen weiteren, ungenannten Gründen eher eine Glaubensfrage und ‚glauben‘ hieße nun einmal nicht ‚wissen‘.

Kurz darauf fand ich mich allein im Flur des Schulhauses wieder, denn man hatte auf meine weitere Teilnahme am Mathematikunterricht verzichtet. Und eben zu jener Zeit wurde in der Mädchen-Realschule nebenan zur Hofpause geläutet, während ich durch das Fenster im Ersten Stock des Jungen-Gymnasiums beobachten konnte, wie dort drüben eine Masse von junger Mädchen auf den Hof stürmte.

Ich bin überzeugt davon, dass genau zu dieser Zeit der Regen im Lllano Estacado aufhörte, das Feuer unter dem Topf mit Bohnen erlosch und stattdessen an diesem Tag, am Fenster des Jungen-Gymnasiums, meine Haare bis Schulterlänge zu wachsen begannen und in meinem Gehirn der Sound von ‚Suzie Q‘ den lateinischen Bauer übertönte, der noch heute auf seinen Gast wartet.

Ich bin überzeugt davon, dass ich genau an diesem Tag erkannte, dass die Magie der Frau als solche aus einer Unmenge von faszinierenden und anziehenden Einzelwesen besteht, deren letztendliche Erforschung mir bis heute verwehrt geblieben ist.

Mag sein, dass an diesem Tag noch mehr geschah. Doch davon erzähle ich vielleicht an einem anderen Tag.

© rh

Angst

Vorrübergehend außer Gefecht gesetzt. Vorrübergehend, weil es ja wieder besser werden kann. Alles bleibt außen vor, abgeschottet von der Welt, zurückgezogen in sich selbst mag er nur entfliehen.

Diese verdammten Tabletten, ein ganzes Chemiewerk, was er da täglich in sich hineinstopfen muss. Der Nutzen überwiegt die Nebenwirkungen, meint der Arzt. Wieder diese Schmerzen, den Weg bahnend für die Angst, die ihn gefangen hält. Je mehr er entfliehen will desto stärker kreisen die Gedanken um diese Angst, fokussieren sie, machen sie mächtig und groß bis sie seinen Körper kontrolliert.

Diese vielen Ratschläge. Nach vorne schauen, die Zukunft gestalten. Und er spürt diese Fesseln, die das Wissen am Handeln hindern und weiß nicht, wann er sich die angelegt hat. So invalid, so versehrt fühlt er sich nach diesem Eingriff, so vollkommen ohne Einfluss, so unvorbereitet hart konfrontiert mit seiner Endlichkeit.

Aufstehen, sagt er sich, aktiv sein, nach vorne schauen und Licht erzeugen in dem Grau, an das er sich klammert, weil Grau immer noch lebendiger ist als tot.

Nichts ist mehr wie früher. Ein Herzinfarkt und dieser Bypass bringt ihm die Sorglosigkeit der Vergangenheit nicht wieder zurück. Da war jemand in seinem Körper und damit lebt er nun, zumindest heute.

© rh

Worte als Berührung zwischen Autor und Leser

Lesung in MannheimWorte berühren auf unterschiedliche Weise. Sei es das gefühlvolle Liebesgedicht, die szenische Skizze einer betroffen machenden Realität oder die Humoreske, die zum Schmunzeln einlädt.

Wenn sich die Wege von Autor und Leser für kurze Zeit kreuzen, ist es die Berührung durch den Text, die Begegnung zulässt.

Eine Autorenlesung stellt für mich eine besondere Art der Begegnung dar: eine Begegnung mit dem Ziel, Worte auf die eine oder andere Weise berühren zu lassen und sei es auch nur für die Zeitspanne eines Abends.

Institutionen, Vereine, Gruppen, Cafés…

Haben Sie Interesse an einem Abend mit meinen Texten? Schauen Sie sich auf meiner Homepage um und nehmen Sie Kontakt mit mir auf.

Lesezeit: ca. 40 Minuten. Für Fragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Ein stinknormaler Tag

EIN STINKNORMALER TAG
oder
GEDANKENFLATTERN, NENNE ICH DAS

Ich habe rasende Kopfschmerzen, als ich aufwache. Meine Lippen sind heiß und aufgesprungen und ich spüre den Brand im Mund.
Die Nacht oder besser, die wenigen Stunden, in denen es noch dunkel war, habe ich auf der Wohnzimmercouch zugebracht. Fürs Bett hat es nicht mehr gereicht, nach diesem Rausch.
Ausgeschlafen bin ich nicht. Mein Körper ist müde und erschöpft, aber das Gehirn findet keine Ruhe. Wortfetzen klingen in meinen Ohren, Erinnerungen steigen bruchstückhaft auf, wechseln sich ab, ziehen vorbei. Bilder, Abläufe, Blitzlichter im Kopf: Gedankenflattern, nenne ich das.
Mit der rechten Hand lange ich hinüber zu dem kleinen Glastisch neben der Couch, der immer häufiger als Müllhalde mißbraucht wird. Den Rest aus einer Bierflasche schütte ich gierig in mich hinein.
Irgendwo auf dem Tisch ertaste ich eine Filterzigarette. Langsam, mit Rücksicht auf meine Kopfschmerzen, stehe ich auf.
Mir ist speiübel. Kaffee, denke ich, während ich mir die Zigarette anzünde.
Aus dem Spülbecken in der Kochnische stiert mich der Abwasch mehrere Tage an. Aber mit dem Kopf ist an Abwasch wieder einmal nicht zu denken. Da geht gar nichts!
Zwischen ein paar Tellern mit eingetrocknetem Kartoffelbrei und verhärteten Nudeln finde ich eine Tasse und spüle sie unter fließendem Wasser aus.
Dann setze ich den Kaffee auf. Wenn wenigstens noch eine Flasche Bier im Hause wäre!
Ich bekomme langsam Magenschmerzen und quäle mich ins Bad. Mir wird sofort schwindelig, als ich mich in die Toilettenschüssel übergebe.
Kalter Schweiß läuft mir über den Nacken. Ich habe Schüttelfrost und zittere wie Espenlaub. Meine Haare glänzen vor Nässe und ich spüre wieder den altbekannten Druck in der linken Bauchseite unterhalb des Rippenbogens.
Während meine flatternden Hände am Waschbecken Halt suchen, ziehe ich mich vorsichtig hoch.
Rotunterlaufene Augen starren mich aus dem Spiegel an. Ich drehe den Wasserhahn auf, forme meine Hände zu einer Mulde und tauche das Gesicht in das Wasser, das sich darin sammelt. Es tut gut, wenn die Wangen gekühlt werden!
Weil ich kaum Luft bekomme, atme ich mit geöffnetem Mund, als ich merke, dass sich mein Durchfall wieder meldet. Seit ungefähr zwei Monaten bekomme ich immer häufiger Durchfall. – Scheiß Leber!
Die allmorgendliche Prozedur im Bad dauert fast eine halbe Stunde.
Dann schlürfe ich im Wohnzimmer meinen Kaffee, die Tasse mit beiden Händen festhaltend, zwischen leeren Bierflaschen und auf dem Tisch ausgedrückten Zigarettenkippen. Mir ist elend heiß!
Ich wühle aufgeregt in den Taschen meiner Jeans. Gestern war ich nicht einmal mehr in der Lage, die Hosen auszuziehen.
Ich suche nach einer Schmerztablette. Wenn schon kein Bier mehr da ist, dann zumindest eine Schmerztablette. – Ich finde keine!
Doch als ich die Zigarette im Ascher ausdrücken will, sehe ich neben einer zerknüllten Zigarettenpackung etwas kleines, rotes liegen: eine X-112.
X-112 ist ein Appetitzügler, den es früher in Tropfenform gab. Heute erhält man die Tropfen nur noch auf Rezept. Die Dragees hingegen kann man so kaufen. Ich nehme sie jetzt schon fast zwei Jahre regelmäßig. Natürlich nicht, weil ich gerne abnehmen möchte, ich habe ja nur noch 57 Kilo, sondern weil sie ganz schön anturnen.
Man bekommt ein herrliches Kribbeln auf der Kopfhaut und fühlt sich echt gut drauf. Wenn ich ein paar X-112 genommen habe, fange ich an zu reden und zu reden.
Drei bis vier Tabletten, mit einer Cola oder Kaffee genommen, sind gerade richtig, damit ich fit werde. Und das mehrmals am Tag!
Manchmal könnte ich schreien! Ich komme von dem Zeug nicht mehr los!
Von Fixern wird X-112 manchmal als Ersatz genommen. Sie kratzen einfach die Lackschicht der Dragees ab, kommen damit an die reine Substanz, lösen diese in Wasser auf und dann wird es gespritzt.
Soll immer noch besser als ein schlechter Schuß sein, hat mir ein Kenner gesagt.
Ich schlucke also die einzige Tablette, die ich gefunden habe und trinke den restlichen Kaffee aus. Dann ziehe ich meine Stiefel an. Seltsam, die hatte ich ausgezogen. Dann verlasse ich mit dreißig Mark, die ich noch besitze, die Wohnung.
Auf der Straße blendet mich die Sonne. Es wird ein heißer Tag werden, denke ich. Da wird heute einiges los sein im Park.
Im Park ist ein Kiosk. Da treffen wir uns fast jeden Tag. Wir, das sind fast alle Alkoholiker aus dem Wohngebiet.
Ich glaube, ich bin einer der wenigen von denen, die noch nicht im Knast waren und wohl der einzige, der noch seine Arbeit hat. Die möchte ich auch nicht verlieren. Ich bin froh, ein paar Tage frei zu haben, sonst hätte ich mich heute morgen wieder krankmelden müssen, weil ich viel zu spät aufgewacht bin. Und im Betrieb machen die das nicht mehr lange mit.
Aber für das Kiosk ist es noch zu früh. Es öffnet erst mittags und ich brauche j e t z t etwas zu trinken. – Oder zumindest Tabletten.
Ich wohne in der Nähe einer Kaserne. Nicht weit davon ist eine kleine Kneipe. ”Zur kleinen Kaserne” heißt sie. Neben Amerikanern verkehren dort hauptsächlich die Typen aus dem Park. Ich weiß, Roland, so heißt der Wirt, macht um neun Uhr auf. Eine halbe Stunde noch. Diese Zeit muss ich überbrücken.
Also liegt mein nächster Weg schon fest: die Apotheke ist nur zwei Gehminuten von meiner Wohnung entfernt.
Dem Apotheker scheint es gleichgültig zu sein, wenn ich alle paar Tage X-112 verlange, obwohl ich schmal wie ein Handtuch bin.
Unterwegs geht die übliche Rechnerei los. Dreißig Mark habe ich. Davon gehen zwanzig weg für die Tabletten und vier Mark für Zigaretten. Mir bleiben also noch sechs Mark. Das reicht gerade für zwei ”Halbe” Bier, was natürlich nicht genug ist. Aber wenn der Kiosk heute mittag öffnet, kann ich bei Anita bestimmt auf Kredit trinken. Sie weiß, dass sie das Geld irgendwann wieder bekommt. Und ich werde bestimmt als erster im Park sein.
Nachdem ich mir in der Apotheke die Tabletten besorgt habe, schlucke ich gleich drei davon und gehe dann in Richtung ”kleine Kaserne”. Ich komme gerade richtig, als Roland das Lokal aufschließt.
Das erste Bier trinke ich in zwei großen Schlucken und bestelle gleich das zweite. Dann geht es etwas langsamer. Ein Bier kostet zwei Mark vierzig. Für das dritte Bier fehlen mir also noch eine Mark und zwanzig Pfennige. Und Roland gibt nichts auf Kredit.
Ich schwätze belangloses Zeug mit Roland und nach zwanzig Minuten ist mein Bier leer.
Doch ich habe Glück. Roland scheint heute seinen gutmütigen Tag zu haben und gibt einen Asbach aus. – Ein Hütchen, wie wir sagen.
Nach dem Hütchen will ich gerade gehen und irgendwo einen Kumpel aufreißen, der Kohle hat, als Andreas zur Türe hereinschwankt. Er hat schon einiges geladen, also hat er Geld! Ich haue ihn sofort an, ob er einen aus gibt, und Andreas gibt einen aus!
Wie sich dann herausstellt, kommt er mit hundertvierzig Mark Sozialhilfe direkt vom ‘Sozel’, dem Sozialamt.
Ich weiß, was das für uns bedeutet: bis zum Nachmittag werden wir davon mindestens hundert Mark naß gemacht haben. Wir werden beide stockbesoffen sein. In den Park werden wir heute nicht gehen. Und die restlichen vierzig Mark werden wir auch noch los werden.
Und morgen? Morgen? Na ja. – Wenn ich morgen aufwache, werde ich rasende Kopfschmerzen haben und heiße aufgesprungene Lippen. Ich werde den altbekannten Druck in der linken Bauchseite spüren, und mein Durchfall wird sich wieder melden. Mein Körper wird müde und erschöpft sein, das Gehirn keine Ruhe finden.
Bilder, Abläufe, Blitzlichter im Kopf:
Gedankenflattern, nenne ich das…

© Rolf Höge

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Unterschiedliche Welten

Erkenntnisse eines Streifzuges

Du lächelst. Dein zuhause strahlt die Gemütlichkeit und Behaglichkeit aus, die ich vermisse. Deine Welt präsentierst du, gewährst Einblicke. Ich bin mir sicher, in deiner Welt könnte ich leben, mich wohlfühlen, ankommen, zur Ruhe kommen. Ebenso sicher bin ich mir, dass du in meiner Welt nie wirklich ankommen würdest.

Ich lächele zurück, werfe deinem Foto einen Handkuss zu. Dann ziehe ich weiter, auf meiner Suche nach kompatiblen Welten. Du wirst nicht erfahren, dass ich hier war, deine Fotos betrachtet habe. Du wirst mich nie kennenlernen.

Unterschiedliche Welten; manchmal stehen sie im Weg. Ich schaue mich einfach nur um.

© rh

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Die Abenteuertapete

Mit staunenden Augen muss ich geschaut haben, als mein Vater die große Wand im Wohnzimmer tapezierte: Eine ganze Wand voll mit Segelschiffen, die schnurstracks in ihre kleinen Fischerhäfen einliefen. Die Abenddämmerung lag über den Häfen und mir war als könne ich zwischen den Fischerhäuschen und den Segelschiffen spazieren gehen.

In den Wintermonaten lag ich oft auf unserer Wohnzimmercouch, eingehüllt in die behagliche Wärme des eisernen Kohleofens in der Zimmerecke, der stets dafür sorgte, einen klitzekleinen Geruch von verbranntem Feuerholz und Russpartikeln in meine zehnjährige Nase ziehen zu lassen und betrachtete die neue Tapete. Im Geborgensein der Nachmittagsstille lud sie mich ein, in eines ihrer aufgedruckten Boote zu steigen, Abenteuer zu ersinnen um dann endlich müde, aber zufrieden wieder in einem der stillen Häfen vor Anker zu gehen. Doch meistens war ich schon eingeschlafen, bevor mein Segler den Heimathafen erreicht hatte.

Meine Abenteuertapete musste irgendwann einer Mustertapete mit bunten Kringeln weichen. Und so wagte ich meinen Ausblick hinaus in die große, weite Welt nicht selten durch einen Roman aus der Leihbücherei, in dessen fabulöse Handlung ich dann stets versank, wenn ich nachmittags nach der Schule auf meiner Couch ruhte. Doch schon nach dem Genuss einiger Seiten in dieser anderen Realität, begannen sich meine Augenlider dann zu senken und ich driftete mit geschlossenen Augen in eine meiner vielen Phantasiegeschichten ab, deren Ausgang ich nur sehr selten erlebte. Meistens schlief ich schon zu Beginn meiner Phantasterei entspannt und zufrieden ein.

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Ich kapier‘ kein Engelerisch

Die Vermittler sind wieder unterwegs. Es gibt ja so viele Suchende, oder besser Nichtfindende. Da braucht man schon so eine Vermittlungsstelle. Nein, ich rede nicht von Partnerbörsen. Ich meine diese medialen Vermittlungsstellen, die dir den Kontakt zu deinem Engel herstellen, weil dein Engel einfach zu blöd ist, um mit dir selbst Kontakt aufzunehmen. Es kann natürlich auch sein, dass du auf der falschen Frequenz funkst, ihn nicht verstehst. Dann muss der Kanal richtig eingestellt werden. So ein Medium kennt die Frequenzen.

Sie brauchen ja Führung, die Suchenden. Sind ja auf ihrem Weg. Alle sind auf ihrem Weg. Kaum jemand, der mal stehen bleibt und Luft holt. Wie soll man da noch wissen, in welche Richtung es geht, wo die richtige Frequenz ist. Da braucht man schon einige, die Kontakte knüpfen können mit der Weisheit, mit der energetischen Kraft.

Zuerst waren es Heiler. Viele Heiler, immer mehr Heiler. Vergleichbar mit einem Krankenhaus, in dem nur Ärzte arbeiten, aber keine Pfleger und schon gar kein Kantinenpersonal. Ein Überangebot an Heilern auf dem alternativen Markt. Und nun sind es eben die medialen Vermittler.

Der Einzelne ist ja nicht sensibel genug, kann der Stimme seines Engels kaum lauschen, braucht einen Übersetzer für Engelerisch.

Bei meinem Engel ist das anders. Der spricht alle Sprachen, angefangen vom Slang über chinesisch bis zu den gängigen Programmier-Sprachen, wenn er es für angebracht hält. Mein Engel verfügt über eine hohe Kommunikationsfähigkeit und unterlässt es tunlichst, sich mir in einer abgehobenen, verklärten, metapherreichen und himmelssphärischen Sprache mitzuteilen, weil er genau weiß, dass ich kein Engelerisch kapiere.

Aber es soll ja auch andere Engel geben. Die wissen genau, dass ihre Erdenbürger und deren Vermittlungsstellen sowohl auf gehobenes Engelerisch wie auch auf den dazu passenden Kommunikationsweg bestehen. Sie akzeptieren solche Geschäftsmodelle voll und ganz, obwohl sie dabei leer ausgehen. Was sollten sie in ihrer Dimension auch mit der Kohle anfangen? Die ist bei den Vermittlern besser aufgehoben.

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Vom Entdecken und vom Suchen

Vom Etdecken und vom Suchen (aus Quo vadis, Alki – hier leicht gestrafft)

Zum achten Geburtstag bekam ich ein Fahrrad geschenkt. Mein Freund Ramon, zwei Jahre älter als ich, besaß schon lange ein Rad, und gemeinsam fuhren wir von nun an fast jeden Nachmittag kreuz und quer durch unsere Wohngegend.

Dabei hatten wir ein Lieblingsspiel: mit den Fahrrädern bereisten wir die Welt. Wir fuhren einige Meter, stiegen dann ab und erkundeten das unbekannte Gebiet. Italien, Griechenland, ganz Europa, Asien und Amerika durchquerten wir und erlebten dabei die tollsten Abenteuer. So mancher Strauch, mancher Stein, ja selbst kleine Ameisen wurden in unser Spiel mit einbezogen.

Ramon war ein sogenanntes Schlüsselkind. Seine Eltern arbeiteten tagsüber und Ramon hatte den Schlüssel für die Wohnung.
Eines Tages, als wir gerade wieder unsere Abenteuer erlebten, rief mir Ramon mit zittriger Stimme zu:
„Ich habe meine Hausschlüssel verloren!“
Demonstrativ schob er den Zeigefinger durch das Loch in der Hosentasche. Aufgeregt beeilten wir uns, die ganze Strecke noch einmal abzufahren.

Doch nun schenkten wir den fernen Ländern, den Steinen oder den Ameisen keinerlei Beachtung. Wir waren einzig auf der Suche nach den Schlüsseln. Nichts gab es für uns zu entdecken. Endlich fanden wir nach einigen Tränen die Hausschlüssel, und damit auch den Unterschied zwischen einer Entdeckungsreise und einer Suche.

© rh