Die Abenteuertapete

Mit staunenden Augen muss ich geschaut haben, als mein Vater die große Wand im Wohnzimmer tapezierte: Eine ganze Wand voll mit Segelschiffen, die schnurstracks in ihre kleinen Fischerhäfen einliefen. Die Abenddämmerung lag über den Häfen und mir war als könne ich zwischen den Fischerhäuschen und den Segelschiffen spazieren gehen.

In den Wintermonaten lag ich oft auf unserer Wohnzimmercouch, eingehüllt in die behagliche Wärme des eisernen Kohleofens in der Zimmerecke, der stets dafür sorgte, einen klitzekleinen Geruch von verbranntem Feuerholz und Russpartikeln in meine zehnjährige Nase ziehen zu lassen und betrachtete die neue Tapete. Im Geborgensein der Nachmittagsstille lud sie mich ein, in eines ihrer aufgedruckten Boote zu steigen, Abenteuer zu ersinnen um dann endlich müde, aber zufrieden wieder in einem der stillen Häfen vor Anker zu gehen. Doch meistens war ich schon eingeschlafen, bevor mein Segler den Heimathafen erreicht hatte.

Meine Abenteuertapete musste irgendwann einer Mustertapete mit bunten Kringeln weichen. Und so wagte ich meinen Ausblick hinaus in die große, weite Welt nicht selten durch einen Roman aus der Leihbücherei, in dessen fabulöse Handlung ich dann stets versank, wenn ich nachmittags nach der Schule auf meiner Couch ruhte. Doch schon nach dem Genuss einiger Seiten in dieser anderen Realität, begannen sich meine Augenlider dann zu senken und ich driftete mit geschlossenen Augen in eine meiner vielen Phantasiegeschichten ab, deren Ausgang ich nur sehr selten erlebte. Meistens schlief ich schon zu Beginn meiner Phantasterei entspannt und zufrieden ein.

© rh

Besuchen Sie auch meine Homepage

Anderssein

Neulich erschien er in roten Schuhen. Es lag nicht in seiner Absicht, damit aufzufallen. Er zog sich nun mal rote Schuhe an. Sie wollten ihn darauf ansprechen, unterließen es aber.

Manchmal schwiegen sie eben. Manchmal rieben sie auch einfach sein Gesicht mit Schnee ein oder klatschten seinen Kopf gegen die Türe des Klassenzimmers.

Und neulich ragten diese roten Schuhe unter der Decke hervor, und sie passten farblich so gut zu der Pfütze daneben.

 © rh

 

Hier eine kurze Erläuterung, damit ich auch verstanden werde.

Ja, es geschah „neulich“. Doch eigentlich geschieht es täglich, wenn auch nicht immer mit so einem Ausgang: das Ablehnen Andersdenkender, das Bewerten von Menschen nach ihrer Herkunft oder Religion. Auch das Zuschlagen, weil man den anderen nicht versteht und das Fragen nicht gelernt hat, die Interpretation „das muss falsch sein“, weil es nicht der eigenen Weltsicht entspricht .

Die roten Schuhe im Text sind ein Symbol für das Anderssein. Man kann rote Schuhe anziehen, einfach weil man ein Recht dazu hat, rote Schuhe anzuziehen. So wie man ein Recht dazu hat, rückwärts zu laufen oder auf Händen zu gehen. So wie eine Frau beispielsweise einen Minirock anziehen darf, ohne sich unterstellen lassen zu müssen, dass sie auf Wirkung aus wäre.

Jeder Mensch hat das Recht auf Individualität und aus dem Recht auf Individualität erwächst wiederum jedem Menschen das Recht auf Anderssein. Weshalb sollte er also Aufmerksamkeit erregen wollen, nur weil er in roten Schuhen erschien?

Er erschien neulich nun mal in roten Schuhen.

______________________

Besuchen Sie auch meine Homepage, wenn Sie Interesse an einer Autorenlesung haben.

Fesselnde Angst

Vorrübergehend außer Gefecht gesetzt. Vorrübergehend, weil es ja wieder besser werden kann. Alles bleibt  außen vor, abgeschottet von der Welt, zurückgezogen in sich selbst mag er nur entfliehen. 

 

Diese verdammten Tabletten, ein ganzes Chemiewerk, was er da täglich in sich hineinstopfen  muss. Der Nutzen überwiegt die Nebenwirkungen, meint der Arzt. Wieder diese Schmerzen, den Weg bahnend für die Angst, die ihn gefangen hält. Je mehr er entfliehen will desto stärker kreisen die Gedanken um diese Angst, fokussieren sie, machen sie mächtig und groß bis sie seinen Körper kontrolliert.

 

Diese vielen Ratschläge. Nach vorne schauen, die Zukunft gestalten. Und er spürt diese Fesseln, die das Wissen am Handeln hindern und weiß nicht, wann er sich die angelegt hat. So invalid, so versehrt fühlt  er sich nach diesem Eingriff, so vollkommen ohne Einfluss,  so unvorbereitet hart konfrontiert mit seiner  Endlichkeit.

 

Aufstehen, sagt er sich, aktiv werden, nach vorne schauen und  Licht erzeugen in dem Grau, an das er sich klammert, weil Grau immer noch lebendiger ist als tot. 

 

Nichts ist mehr wie früher. Ein  Herzinfarkt und vor allem die  Bypass-Operation bringt ihm die Sorglosigkeit der Vergangenheit nicht wieder zurück. Da war jemand in seinem  Körper und damit lebt er nun, zumindest heute.

 

© rh

 

 Besuchen Sie auch meine Homepage und informieren Sie sich über meine Autorenlesung.

Wer Tee trinken will, muss ihn kochen

Nach einem überstandenen Herzinfarkt, zwei Stents und einer Bypass-Operation fiel ich in ein tiefes psychisches Loch. Ich empfand es als eine Ungeheuerlichkeit, meine Wenigkeit mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert zu sehen und degradierte mich selbst zu genau dieser „Wenigkeit“ herab. Der geringste Schmerz im Brustraum löste eine lähmende Angst aus. Mein Selbstwertgefühl war vollkommen aufgebraucht und ich fühlte mich hilflos all jenen Menschen ausgeliefert, die mehr über meinen Körper Bescheid wussten als ich selbst.

 

Immer mehr griff auch die Depression nach mir. Vor herunter gelassenen Jalousien zog ich mich in die scheinbare Sicherheit meines Bettes zurück und wartete auf den nächsten Tag, in der Hoffnung, diesen zu erleben. Ich wusste, ich sollte aktiv werden, um aus der Depression herauszukommen, kannte den Weg, konnte ihn aber nicht gehen. Mir schien, als müsse ich an die Hand genommen werden, um langsam wieder an diesem Leben teilzunehmen und etwas Sicherheit zu finden.

 

Bereits nach meiner Operation fühlte ich mich körperlich und psychisch so schwach, dass ich mir fachärztliche Hilfe suchte. Auf diesem Weg fand ich langsam aus der Depression heraus. Selbstverständlich wurde mir auch bewusst, dass ich meinen Körper nicht nur durch Zigaretten ständig geschädigt hatte, sondern ihm auch durch Stress und berufliche Höchstleistungen einiges abverlangt hatte. Ich nahm weder den Stress am Arbeitsplatz noch den mit meinem persönlichen Umfeld und schon gar nicht den Stress, den ich mir selbst bereitete, ausreichend wahr .  Probleme gab es, um bewältigt zu werden, Sorgen, um sie zu ertragen, Ärger, um ihn abzuschütteln. Ich stand ständig unter Spannung, fraß regelrecht meine Zigaretten und mein Körper schickte mir, um das in einer Metapher auszudrücken, einen Herzinfarkt und setzte damit dem Treiben zunächst einmal ein Ende. Und in der anschließenden Depression konnte er sich erholen.

 

Diese Erkenntnis alleine nutzt aber nur dann etwas, wenn daraus auch eine Veränderung eingeleitet wird. Ich erinnerte mich an  meine NLP-Lehrtrainerin, Dr. Gundl Kutschera, die bei fast jeder Gelegenheit betonte: „Wer immer nur das tut, was er schon immer getan hat, bekommt auch immer nur das, was er schon immer bekommen hat.“

 

Und so beschloss ich, zukünftig mein Leben etwas umzugestalten, andere Ursachen zu setzen, um dadurch zu für mich besseren Ergebnissen zu gelangen. Über das Rauchen brauchte ich mir dabei keine Gedanken mehr zu machen: mit dem Herzinfarkt hatte ich auch aufgehört zu rauchen und meinem Körper sechzig Zigaretten pro Tag weniger zugeführt. Da ich sehr an meinem Leben hänge, hält das Nichtraucherdasein bis heute an.

 

Das Wesen einer Depression, sagte ich mir, liegt unter anderem darin, sich vor der Umwelt abzuschotten, keine Kontakte mehr zu pflegen. Jahrelange, vollkontinuierliche Schichtarbeit hatte ihren Beitrag zur Isolation wohl ebenso dazu geleistet, wie meine derzeitige, andauernde beziehungsfreie Phase. Ich musste also Aktivitäten finden, die mich zwingen, die Wohnung zu verlassen und mit Menschen in Kontakt zu kommen.

 

Nun bin ich beispielsweise was das Lernen von Fremdsprachen anbelangt ein Autodidakt: ich lerne gerne selbst  mit Audio-CDs oder am PC, was bislang dazu führte, dass ich Spanisch schon seit mehreren Jahren immer wieder von vorne zu lernen beginne, ohne dass wirklich viel verwertbares hängen bleibt. Also beschloss ich, mich in einen Kurs an der Volkshochschule einzuschreiben und nun auf diesem Weg die Sprache zu erlernen. Mein Spanisch kann dadurch nur besser werden, und ich bin gezwungen, samstags in den Unterricht zu gehen.

 

Aber ich brauchte das Rad ja nicht ganz neu zu erfinden, und eine Ärztin und sehr gute Psychotherapeutin, auf die ich während meiner Genesung glücklicherweise traf, stieß miMeine Schreibe-für Flyer2ch immer wieder mit der Nase auf meine Fähigkeiten. Ein ehemaliger Mitteilnehmer aus einem früheren NLP-Practitioner-Kurs meinte sogar: „Lass dich nicht von deinen Symptomen leiten, sondern von deinen Fähigkeiten.“ Nun, seit mehr als zwanzig Jahren beschäftige ich mich mit dem Schreiben. Ich schreibe Kurzgeschichten, Gedichte, Glossen und gelegentlich einmal einen Artikel. Früher, als es noch kein Internet gab, konnte ich ein paar meiner Geschichten auch in der Tageszeitung veröffentlichen. Als ehemaliges  Mitglied im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt fand meine Kurzprosa auch in der Anthologie „Jenseits von Oggersheim“ Platz. Auch an einigen Lesungen hatte ich damals teilgenommen.

 

So reifte in mir der Gedanke, meine Texte neu zu sortieren und mit einer Auswahl davon unter dem Motto „Meine Schreibe…“ erneut an die Öffentlichkeit zu gehen. Da ich nicht der eitle Autor bin, der horrende Summen an Druckkostenzuschussverlage zahlt, nur um sein eigenes, kaum verkaufbares Buch in der Hand zu halten, legte ich mir eine Homepage an, mit der ich auf meine Autorenlesung aufmerksam mache. Auf dieser Homepage biete ich nun meine Texte auch  zum kostenlosen download an. Zusätzlich brannte ich meine Werke als Audio-CD zum Anhören.

 

Meinen Ratgeber „Quo vadis, Alki„, den ich hauptsächlich für abstinent lebende Alkoholiker geschrieben hatte, und der in meiner Schreibtischschublade vor sich hin träumte, stellte ich als downloadbares ebook ins Internet. Dasselbe machte ich mit meinem Ratgeber „Visionen finden – Ziele setzen„, in dem ich unter anderem den Zielrahmen aus dem NLP vorstelle.

 

So verschaffte ich mir also eine neue Art von geistlicher Beweglichkeit, die mich konstruktiv fordert und mir Spass macht. Meiner körperlichen Beweglichkeit und dem sehr unangenehmen Übergewicht, das sich durch das Nichtrauchen eingestellte, trage ich durch eine veränderte Ernährungsweise und durch meine Besuche im Fitness-Studio Rechnung. Das ist das Schwerste an all dem Neuen, weil es sehr viel Geduld erfordert und ein geduldiger Mensch bin ich nun nicht gerade. Aber dafür gibt es ja die Lernfelder.

 

Nein, ich fühle mich noch lange nicht so gesund, wie ich das gerne hätte, aber der Weg dorthin stimmt. Und den gehe ich konsequent. Vielleich werde ich zukünftig auch workshops gestalten. Da ist der letzte Gedanke noch nicht gedacht. Denn ich denke, wer Tee trinken will, muss ihn kochen.  

 

© rh

 

 

Ich kapier‘ kein Engelerisch

Die Vermittler sind wieder unterwegs. Es gibt ja so viele Suchende, oder besser Nichtfindende. Da braucht man schon so eine Vermittlungsstelle. Nein, ich rede nicht von Partnerbörsen. Ich meine diese medialen Vermittlungsstellen, die dir den Kontakt zu deinem Engel herstellen, weil dein Engel einfach zu blöd ist, um mit dir selbst Kontakt aufzunehmen. Es kann natürlich auch sein, dass du auf der falschen Frequenz funkst, ihn nicht verstehst. Dann muss der Kanal richtig eingestellt werden. So ein Medium kennt die Frequenzen.

Sie brauchen ja Führung, die Suchenden. Sind ja auf ihrem Weg. Alle sind auf ihrem Weg. Kaum jemand, der mal stehen bleibt und Luft holt. Wie soll man da noch wissen, in welche Richtung es geht, wo die richtige Frequenz ist. Da braucht man schon einige, die Kontakte knüpfen können mit der Weisheit, mit der energetischen Kraft.

Zuerst waren es Heiler. Viele Heiler, immer mehr Heiler. Vergleichbar mit einem Krankenhaus, in dem nur Ärzte arbeiten, aber keine Pfleger und schon gar kein Kantinenpersonal. Ein Überangebot an Heilern auf dem alternativen Markt. Und nun sind es eben die medialen Vermittler.

Der Einzelne ist ja nicht sensibel genug, kann der Stimme seines Engels kaum lauschen, braucht einen Übersetzer für Engelerisch.

Bei meinem Engel ist das anders. Der spricht alle Sprachen, angefangen vom Slang über chinesisch bis zu den gängigen Programmier-Sprachen, wenn er es für angebracht hält. Mein Engel verfügt über eine hohe Kommunikationsfähigkeit und unterlässt es tunlichst, sich mir in einer abgehobenen, verklärten, metapherreichen und himmelssphärischen Sprache mitzuteilen, weil er genau weiß, dass ich kein Engelerisch kapiere.

Aber es soll ja auch andere Engel geben. Die wissen genau, dass ihre Erdenbürger und deren Vermittlungsstellen sowohl auf gehobenes Engelerisch wie auch auf den dazu passenden Kommunikationsweg bestehen. Sie akzeptieren solche Geschäftsmodelle voll und ganz, obwohl sie dabei leer ausgehen. Was sollten sie in ihrer Dimension auch mit der Kohle anfangen? Die ist bei den Vermittlern besser aufgehoben.

© rh

Besuchen Sie auch meine Homepage, wenn Sie Interesse an einer Autorenlesung haben.

Illusion

weggeschlossen
die wahrhaftigkeit
hinter das herz verbannt
unspürbar gemacht

blassbunt
die welt bemalt
bis zur erschöpfung
die illusion genährt

damit sie nicht platzt
wenn ich
dann doch
sehen muss

© rh

Besuchen Sie auch meine Homepage und informieren Sie sich über meine Autorenlesung.

Halt mich

http://data7.blog.de/media/962/6252962_e19c569f62_v.mpgUnd wenn ich dann manchmal in meinem kleinen Wohnzimmer vor dem PC sitze und von der Welt dort draußen träume, kann es geschehen, dass mir dann so ein Songtext einfällt. Hier das Video und darunter der Text zum mitlesen:

Halt mich

Ich habe das Unten gesehen
und ich habe das Oben berührt
und es immer geschafft,
nie ganz einzutauchen
in das Leben,
das so viele
für sich so angenommen haben..

Halt mich!
Halt mich fest,
ich brauche dich.
Einfach,
um stark zu sein
und um stark zu bleiben,.

Der Sturm meines Lebens
hat sich schon lange gelegt
Ich kenne fast alles,
hab’ so viel schon erlebt.

Aber endlich hatte ich begriffen,
ich kann das Leben nur spüren,
wenn ich mittendrin bin.
Nicht, wenn ich am Rande stehe
und nur mitschwebe
in diesem Spiel,
das ich Leben nenne.
Wenn ich teilhaben will,
muss ich teilnehmen,

Halt mich!
Ich brauche dich.

Denn das Leben spielt sich genau mittendrin ab,
zwischen Oben und Unten

Und ich frage mich,
ob ich noch einmal von vorne beginnen soll.
Denn ich weiß ja, ich kann es,
jederzeit,
jederzeit!
Aber kann ich es auch jetzt?

Lass mich noch einmal eintauchen,
eintauchen in das Leben,
um einfach nur
spüren zu können,
dass ich bin

Komm,
halt mich fest.
Ich brauche dich.
Ich brauche dich,
halt mich fest.

© rh

Man getraut sich ja kaum

Man getraut sich ja kaum,
man weiß ja nicht, wie es wäre,
mache man es falsch.

Man würde es ja versuchen,
würde man sich getrauen wollen,
mache es womöglich richtig, aber
man getraut sich ja kaum.

© rh

Aus meiner Autorenlesung Meine Schreibe