Stirb!

„Stirb!“
„So lange es dich gibt? Ich bin immer da.“
„Rede keinen Stuss! Ich brauche keine Traurigkeit. Gestern warst du nicht da.“
„Da warst du wütend. Das ist dasselbe.“
„Und vorgestern, he? Was war vorgestern?“
„Du warst fröhlich und ausgelassen, voller Lebensfreude, und…das ist dasselbe.“
„Stirb!“
„Ich bin stets dasselbe Gefühl. Du gibst mir das Etikett. Du entscheidest, in welchem Gewand ich dir begegnen soll.“
„Ach, leck mich am Arsch.“

© rh

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Hauptsache eins achtzig groß

Hauptsache eins achtzig groß und in der Lage, Laminat zu verlegen. Mehr erwartet sie nicht, die moderne, Rollenbilder ablehnende Frau mit Höhenverschiebung im Blick. In der Beziehung auf Augenhöhe darf dann schon mal eine Steigung dabei sein, damit sie auch schön hoch blicken kann, wenn er gerade mal wieder fremdgegangen ist. Hauptsache eins achtzig groß und in der Lage Laminat zu verlegen. Und wenn er dann davon verschwitzt auch noch eine Bierflasche halten kann, wirkt er sogar noch richtig sexy.

Natürlich scheint es bei aller Größe allerdings äußerst wichtig, dass der Ausgewählte sich selbst gegenüber aufgeschlossen ist und Gefühle zeigen kann. Man staune: Gefühle! – Himmel nochmal, Ärger ist wohl kein Gefühl, was? – Ärger ist ein sattes Gefühl, meine Damen, aber so etwas von satt!

„Das ist Dominanz, das ist Machtanspruch.“, meint dazu die Ich-weiß-was-ich-will-Frau, „Deshalb sei still und verleg weiter Laminat!“

Mensch, was habe ich die Nase voll. Ich kann es nicht mehr hören. Immer dasselbe Beuteschema und dann ständig dasselbe Gejammer. Aber Hauptsache eins achtzig groß. Als durchschnittlicher Wissenslevel für den maskulinen Riesen reicht es schon aus, dass er weiß, ein Buch besteht aus bedruckten Seiten. Mehr braucht es ja auch nicht für’s Laminatverlegen. Lesen muss der Zukünftige nur am Laptop können.

Echt, Leute, ich kann das Gejammer nicht mehr hören. So ist das nun einmal: wenn Frau immer dasselbe sucht, bekommt sie das, was sie schon immer bekommen hat.Deshalb kann ich es nicht mehr hören, dieses Gejammer!

Selbstverständlich gibt es da noch die anderen femininen Geschöpfe mit normaler Blickrichtung, für die solch maskuline Attribute nebensächlich sind: die Mütter.

Himmel, was sind in dieser Welt Mütter unterwegs, die ständig Ziehsöhne suchen. Sie wollen dir die Welt erklären, wissen ganz genau, was für dich richtig und gut ist. Wenn du mal einen Schweinshaxen verdrückt hast und mit ein paar Gramm zu viel auf den Rippen durch die Gegen wackelst, raten sie dir, die Schilddrüse untersuchen zu lassen, denn bei Ilse, Gerda oder Erna war das ähnlich und hatte überhaupt nichts mit dem Verzehr von unzähligen Sahnetorten zu tun.

Ich frage mich, wie ich überhaupt so alt werden konnte. Ich weiß ja gar nichts. Ich bin überhaupt nicht überlebensfähig in dieser schrecklichen Welt. Lasset die Mütter zu mir kommen…

Ich habe auf all das kein Bock mehr. Mittlerweile bin ich single-gebildet in einem männlichen Single-Haushalt mit einer Single-Erfahrung, die mir keine Mutter der Welt mehr wegnimmt.

Ich weiß nun, dass Bügelwäsche im Schrank nicht schimmelt und sehr lange lagerfähig bleibt. Durch Fensterscheiben kann man immer durchsehen, selbst wenn sie verschmutzt sind. Und wenn du durch das Küchenfenster nur auf die Hauswand des Nachbarn blickst, reicht es, wenn du dich zweimal im Jahr diesen Scheiben widmest. Wenn du nach sechs Wochen die Wohnung putzt, weil sich Besuch angemeldet hat, wird es genauso sauber als würdest du es täglich machen. Dauert eben nur etwas länger. Diese Zeit hast du aber vorher beim Nichtstun locker herein geholt.

Ich habe eben keinen Bock mehr auf Verstehen, auf Verständnis, auf Empathie. Ich kann das Gejammer nicht mehr hören.

Suchen? Wer sucht denn hier nun wen? Ich suche nicht! Und vor allem werbe ich nicht um irgendwelche Gunst! Ich bin weder Jäger noch irgendein Minnesänger, der die Angebetete im Elfenbeinturm bezirzen will. Wenn sich irgendeine der Holden für mich interessiert und mit meiner Einwilligung meinem Single-Dasein ein Ende setzen will, soll sie einfach mal die Hand heben! Zeig dich! Ich bin nämlich kein Hellseher!

Wenn ich überhaupt etwas suche, dann genau diese erhobenen Hände. Wobei diejenigen, die mich die ganze Zeit aufgrund der Blickverschiebung übersahen, gerne die schlanken Fingerchen unten lassen dürfen. Es stehen genug Laminatverleger bereit, die in das Beuteschema passen und deren Kommunikationsfähigkeit sich auf das Anklicken eines Profils im Internet beschränkt. Auf die übliche Kontaktaufnahme „Hi, wie geht’s?“ möchte ich hier gar nicht näher eingehen.

Nebenbei bemerkt sind es ja dann doch immer die Männer, die immer nur das Eine wollen, ständig nur das Eine suchen. – Ich kann es nicht mehr hören, dieses Geschwätz, dieses Gejammer.

Ich muss hier raus. Ich muss raus aus diesem Badezimmer! – Es ist nicht normal, dass ich hier seit gut einer halben Stunde verbissen mein Spiegelbild ankeife und mir selbst einen Vortrag halte. Das ist nicht normal!

Ich muss hier raus. Ich kann das alles nicht mehr hören. Es betrifft mich nicht: ich habe Teppichboden.

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Milchkaffee

Ich denke an Karin, die erste Liebe auf meinem Weg. Es folgten einige Lieben und viele Wege.

Lieben wollen geliebt werden, dafür sind sie da. Wege wollen gegangen werden, dafür sind sie da.

Vor mir steht der Milchkaffee. Nur das Bild einer Kaffeebohne prangt auf der Tasse. Keine Kuh weit und breit. Ich lächele kurz. Früchte wollen geerntet werden, denke ich, dafür sind sie da. Kühe wollen gemolken werden, dafür sind sie da.

Ich gehe jetzt auch weg. Soll sie ihren Milchkaffee selbst zahlen.

© rh

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Im Café

Einen Katzensprung vom Büro entfernt sitze ich in dem gut besuchten Café an der Straßenecke vor einem Stück Sachertorte und meinem Schreibblock. Ich denke an meinen Bruder. Er starb 1995 an Leberzirrhose nach langer Alkoholkrankheit.

„Hoffentlich wirst du nie so wie dein Bruder.“, schallt es mir noch in den Ohren. Als kleiner Junge fühlte ich mich miserabel bei solchen negativen Äußerungen über Karlheinz, bedeuteten sie doch, man müsse sich eines solchen Bruders schämen, eines Trunkenboldes, der aber für mich mein bedauernswerter, lieber, Großer Bruder war. Ich hatte ja sonst keinen Großen Bruder. Nur Schwestern.

Fünfzig Jahre ist es nun her, seit meine Mutter mich mit dieser Angst, ich könne so werden wie mein Bruder, niederschmetterte.

Ich fing dann bereits mit sechzehn und damit zwei Jahre früher als mein Bruder mit dem Trinken an. Es folgten Kündigungen am Arbeitsplatz, zweimaliger Führerscheinentzug und meine Frau verließ mich mit der kleinen Tochter. Danach bedurfte es noch weiterer zwei Jahre exzessiven Trinkens und einer erneuten Kündigungsandrohung, bis ich endlich vor dem übermächtigen Alkohol kapitulierte und mit dem Trinken aufhörte.

Ängste wechseln das Mäntelchen, das sie umgibt.

Neunundzwanzig Jahre war ich damals jung und heute, sechsundzwanzig Jahre später, sitze ich nach einem überlebten Herzinfarkt und einer Bypass-Operation in diesem Café an der Straßenecke mit meinem Schreibblock und versuche, diese neue Form der Angst zu bewältigen: von plötzlichen Schmerzattacken heimgesucht zu werden und einer scheinbaren Hilflosigkeit ausgeliefert zu sein.

Ich schreibe über meine Angst vor plötzlichen Schwindelanfällen, über die Angst in Ohnmacht zu fallen, umgeben von inkompetenten Menschen, die mir vielleicht nicht schnell genug die erforderliche Hilfe bringen könnten, während ich bar jeder Handlungskompetenz meiner eigenen, vermeintlichen Unzulänglichkeit gegenüber stünde.

Ich mag diesen Platz hier am Fenster, die Tasse Kaffe, das Stück Sachertorte. Und ich mag das Schreiben, hier, umgeben von Menschen, einen Katzensprung vom Büro entfernt.

© rh

Joseph Mendels wandlungsgeladene Begegnung mit einem Rotkehlchen

Es begab sich aber zu einer Zeit, da die Großen auszogen, die Kleinen zu besiegen, dass ein gewisser Josef Mendel zuhause in seinem Sessel saß, die Pantoffel bewehrten Füße von sich streckte und einem Rotkehlchen lauschte.

Das Liedchen, das Rotkehlchen vor sich hin sang, erweckte seine Neugierde, denn Josef Mendel war der Vogelsprache, insbesondere der Rotkehlchensprache kundig.

Von Verdammten war da die Rede und von Schlafmützen, die nun endlich erwachen sollten. Außerdem bekämen diese Verdammten nichts zu essen, man zwinge sie zum Hungern.

Wo die wohl lebten, fragte sich Josef.

Rotkehlchen tirilierte munter weiter und so konnte Josef viel über ein mächtiges Feuer erfahren, dessen Glut tief im Innern eines Kraters brodelte, dass das Recht derer, die im Besitz dieses Feuers seien, nun zum Durchbruch dringen würde.

Oh, Josef Mendel gefiel dieses Liedchen immer mehr. Ergriffen hörte er von einem Signal, das an alle Völker der Erde ausgesandt würde. Eine letzte Schlacht solle geschlagen werden und die Rechte aller Menschen erkämpft..

„Das ist gut“, dachte Josef Mendel, und als er zudem erfuhr, dass in dieser Welt einige Müßiggänger lebten, die man einfach beiseite schieben solle, weil die Welt denen gehört, die das Rotkehlchen zu wecken versuchte, da ward dem Josef Mendel warm ums Herz.

Er stand auf, dankte dem Rotkehlchen und beschloss, gemeinsam mit den Kleinen auszuziehen, die Großen zu besiegen. Doch die Strasse war so leer…

(c) rh

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Kannst du nicht mal die Fresse halten

„Kannst du nicht mal die Fresse halten!“, schnauzt er, während er mit dem Kinn in Richtung Fernseher deutet. „Wieder so ein Pfaffe, der sich an Kindern vergreift! Die gehören alle …“
„Papa…“, klingt es kleinlaut und gedrückt.
„Haltet doch mal euer Maul. Mensch, was erziehst du nur für eine Tochter?“, schnauzt er die Alte an. Er nennt sie schon lange nicht mehr bei ihrem Vornamen, eher Schlampe oder faule Sau, die den ganzen Tag nichts anderes zu tun hat, als mit der fetten Kuh von Unten zu tratschen.
„Nicht mal bei den Nachrichten hat man seine Ruhe!“, brüllt er und zappt mit dem Daumen jetzt wahllos durch die Programme. Den Rest aus der Bierflasche zieht er sich in einem Schluck hinein.
„Ist auch deine Tochter.“, murmelt die Alte.
„Papa, ich wollte ja nur…“ Sie hält ihm ihre Insel entgegen, die sie auf ein Blatt Papier gemalt hat. –
„Dieses Gesindel heute auf den Spielplätzen! Werfen mit Steinen auf Kinder!“, meint er auf der Ambulanz, während die freundliche Krankenschwester die Platzwunde an der Stirn der kleinen Julia versorgt.
„Wenn wir die erwischt hätten. – Was Julia…?“
Julia nickt. –
„Ja, Papa…“, schluchzt sie bedrückt und hofft, dass Papa das geworfene Feuerzeug zu Hause nicht wieder findet.

© rh

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An meine Zukünftige – Vorsicht Satire!

Ich weiß, du möchtest endlich nach deiner Bestimmung leben, die Erfahrungen, die du nach dreißig Jahren Ehe als Heimchen am Herd sammeln durftest, endlich umsetzen. Ich kann dich verstehen, und all dies möchte ich dir nicht vorenthalten. Es gibt keinen Grund für dich, dem Ideal einer modernen, selbstbewussten Frau nachzueifern, keinen Grund, etwas zu Erstreben, das du nie gelernt, nie erfahren hast.

Lass uns gemeinsam meinem Dosen-Trend ein Ende setzen, wirble mit dem Besen durch meine Küche und finde auch das letzte Brotkrümel unter dem Küchentisch. Hol dir deine Rückenschmerzen am Bügelbrett, damit du wieder beginnst, deinen Körper zu spüren. Fühle die Dankbarkeit in dir, die dich überfällt, wenn ich dir die paar Euro für ein neues Kleid beim Discounter auf die Waschmaschine lege. Spüre den Stolz in dir, all die Hausarbeit tagsüber alleine bewältigen zu können. Sei offen für deine Weiterbildung, wenn ich dir das wesentliche der Abendnachrichten erkläre. Genieße das exstatische Beben in deinem Körper, wenn sich nach einem halben Jahr endlich so viele Unterhosen von mir in deinem Wäschekorb gesammelt haben, dass es für einen kompletten Waschgang reicht. Freue dich über mein Schmatzen beim Abendessen, das dir signalisiert, welch gute Köchin du doch bist, auch wenn nur ich deine Gerichte genieße.

Lebe die stille Erotik mit mir. Du brauchst nichts zu tun. Lass dich einfach verwöhnen und deine Gedanken lächelnd durch das Dunkel der Nacht streifen, bis hin zu dem schrillen Schreien des Weckers am nächsten Morgen. Spüre meine Großzügigkeit, du, mein Leben. – Liebe mich, denn ich bin mir dich wert.

© rh

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Der Schrei der Karotte

Angefangen hatte alles beim Gemüsehändler. Die Bananen lagen einsam im Korb und draußen hatte es schon den ganzen Morgen geregnet. Lilly war wieder einmal nicht zum Frühstück erschienen, und Onkel Philipp hatte ein ganzes Einmachglas mit Zwetschgen von seinem Nachttisch fallen lassen.

Mir blieb nichts anderes, als den ganzen Weg von Arkansas zum Old Man River in dem einzigen Paar Hausschuhen zurück zu legen, das ich seit meiner Konfirmation im April ‘69, als ich diesen fatalen Streit mit dem Pfarrer wegen der irrtümlichen Annahme hatte, die Welt sei durch einen lauten Knall entstanden, noch besaß.

Das freundliche Lächeln des Blumenkohls wirkte etwas erhaben, als ich mit der einen Hand, die ich noch bewegen konnte, den Salat sortierte, wobei ich peinlichst darauf bedacht war, den großen Köpfen nicht den Vorzug vor den kleinen zu geben. Ganz hinten saß diese kleine, schnuckelige Zwiebel, die mir schon so manches mal das Wasser in die Augen getrieben hatte, wenn es hier in der Region wieder einmal so unerträglich heiß geworden war und selbst die Kühlhäuser zu schwitzen anfingen. Ich war ja so dankbar dafür!

Alles in allem hätte ich an diesem Morgen vollkommen zufrieden sein können, wäre da nicht dieser kleine Vorfall auf dem Barhocker am Abend zuvor gewesen. Ich war nur ganz wenig vor gefallen, aber es hatte gereicht, mit dem Gesicht – ich glaube mit der Stirn zuerst – den Boden zu berühren, von dem behauptet wird, er sei früher durch einen Teppich geschmückt gewesen.

Es fiel mir daher nicht schwer, dem Gemüsehändler die Hand zu drücken, was diesen jedoch veranlasste, das grüne Glas mit Gurken der Schwerkraft auszusetzen, was wiederum dazu führte, die Zwiebel, welche mir noch kurze Zeit zuvor zugelächelt hatte, in eine Linksdrehung zu zwängen, während plötzlich diese vorne spitz zulaufende Essiggurke genau auf mich zukam.

Der etwas aufdringliche Geruch des Gemüsehändlers störte mich nicht, wohl aber die Hand, die er versuchte um meinen Hals zu legen. Vor etwa siebzehn Jahren musste mich ein Erlebnis beeindruckt haben, das diesem auffallend ähnelte, doch so sehr ich es auch versuchte, ich konnte mich nur noch ganz entfernt daran erinnern.

Kaum jemanden interessierte sich für den Zeitpunkt, an dem die Linksdrehung der Zwiebel beendet war und die Zwiebel selbst, jene die mir in den heißen Tagen das Wasser in die Augen getrieben hatte, zielbewusst auf eine Karotte zusteuerte, die offenbar von diesem Angriff völlig überrascht war. Auch der Blumenkohl begriff die Zwiebelgefahr und begab sich schnellstens außerhalb ihrer Reichweite.

Nur diese kleine, schnuckelige Karotte konnte, ob sie es wollte oder nicht, der Zwiebel nicht ausweichen.
Es gab einen lauten Knall, der irgendwie jenem Knall ähnelte, den ich damals in den Ohren hatte, als Gustav diese Feuerwerkskörper im Jahr ‘62 eigentlich zu Onkel Philipp hätte bringen sollen und sie dann doch neben meinem Bett hatte liegen lassen, obwohl er wusste, ich rauche grundsätzlich im Bett und achte normalerweise nicht darauf, ob da, wo sonst immer ein Aschenbecher steht, auch jedes Mal ein Aschenbecher steht.

Ich spürte förmlich wie mir dieser markerschütternde Schrei jener so sympathischen Karotte durch sämtliche Glieder fuhr. Und nie werde ich dieses cholerische Lachen der Zwiebel vergessen, als schließlich der Gemüsehändler, in Anbetracht der sehr kritischen und angespannten Lage, meinen Kopf in beide Hände nahm und ihn mit einer Geschwindigkeit hin und her bewegte, die vermuten ließ, mich mit dem Schrei der Karotte in Verbindung zu bringen.

Ich weiß heute nicht mehr so genau wie das alles weiter ging, aber wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen gerne wie das alles angefangen hatte.

Also, angefangen hatte alles beim Gemüsehändler…

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Zu den Themen Sucht- und Persönlichkeitsentwicklung, Arbeit- und Soziales sowie Humorvolles führe ich in Ihren Räumlichkeiten gerne die Autorenlesung „Meine Schreibe…“ durch.

Steh auf und geh!

Sie haben dich gerettet. Nach mehr als acht Stunden stellten sich diese schrecklichen Magenschmerzen als Herzinfarkt heraus, als Hinterwandinfarkt. Der Schmerz ist vorüber. Du spürst nicht einmal, dass da etwas war. Zwei Stents wurden gesetzt, das Blut fließt wieder. Ein Herzkranzgefäß konnte nicht geöffnet werden, muss sich schon vor langer Zeit geschlossen haben. Eine Bypass-Operation raten sie dir.

Und du fragst dich nach dem Sinn. Der Infarkt zeigte dir deutlich, du bildest keine Ausnahme, auch du bist sterblich. Und du fragst dich nach dem Sinn, spürst die Angst in dir. Nicht die Angst vor dem Tod, sondern die Angst, alles zu verlieren, die Angst, jede Erinnerung ausgelöscht zu bekommen. Und du fragst nach dem Sinn.

Ein halbes Jahr später kommt die Bypass-Operation. Diesmal ist der Schmerz nicht vorüber. Nur langsam lernst du wieder ein paar Treppen zu steigen. Sie bereiteten dich nicht ausreichend darauf vor. Wenn du einen weißen Arztkittel siehst, steigen die Tränen hoch, du kannst es nicht verhindern, sie kommen ungefragt. Und du fragst dich nach dem Sinn. Wie viele Lebensjahre rechtfertigen diesen Eingriff. Du wirst gehen müssen, irgendwann. Vielleicht morgen, vielleicht in ein paar Jahren. Man gewährte dir noch etwas Zeit.

„Es war nur ein leichter Infarkt. Man sieht ihn kaum. Damit können Sie locker noch über zwanzig Jahre leben“, sagten sie dir. Und du leidest so sehr, dass du mit dieser Zeit nichts anfangen kannst, sie aber auch nicht hergeben möchtest.

Und du fragst dich nach dem Sinn.

Und eines Morgens wachst du auf und die Sonne scheint. Sie scheint wieder, auch für dich. Und du erkennst, dass du der Zeit ihren eigenen Sinn geben musst.: „Steh auf und geh!“

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Die Depressionsinsel

Heute trage ich sie zu Grabe. Heute, am Karfreitag, beende ich ihre Daseinsberechtigung. Gestern schon, als ich mir zugestand, dass ich mir ein neues Fahrrad wert sein darf, zeichnete sich ihr Ende ab.

Jahrelang leistete sie mir gute Dienste, war immer für mich da, wenn das Leben mit seinen Wogen über mich herein brach, mir mit Verletzung oder gar dem frühen Tod drohte. Sie richtete mich scheinbar auf, wenn ich Ablehnung erfuhr. Sie hüllte mich geborgen ein und verlangte mir kein Handeln ab.

Sie nährte meine Verlustfantasie, rechtfertigte die Dunkelheit um mich herum, die verschlampte Couch, die Schokoladenflecken, meine Fettleibigkeit und das nach Abwasch schreiende Geschirr in der Küche. Sie sorgte für mein schlechtes Gewissen, das mich stets wieder zu ihr führte. Sie war schneller als jedes Selbstwertgefühl, das in mir hochstieg, machte mir einerseits meine Winzigkeit bewusst und katapultierte mich andererseits nach jeder scheinbaren Niederlage in den Größenwahn. Hier war ich Opfer, hier durfte ich sein: auf meiner Depressionsinsel.

Ich trage sie heute zu Grabe und mit ihr das Opfer mit seinen Verlustfantasien. Dankbar gebe ich ihr das letzte Geleit. Sie zeigte mir die Schatten, ließ mich überleben. Sie stirbt für mich, als Vorbereitung auf die Lebendigkeit, die durch ihren Tod nun in mir auferstehen kann.

© rh

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