Unterschiedliche Welten

Erkenntnisse eines Streifzuges

Du lächelst. Dein zuhause strahlt die Gemütlichkeit und Behaglichkeit aus, die ich vermisse. Deine Welt präsentierst du, gewährst Einblicke. Ich bin mir sicher, in deiner Welt könnte ich leben, mich wohlfühlen, ankommen, zur Ruhe kommen. Ebenso sicher bin ich mir, dass du in meiner Welt nie wirklich ankommen würdest.

Ich lächele zurück, werfe deinem Foto einen Handkuss zu. Dann ziehe ich weiter, auf meiner Suche nach kompatiblen Welten. Du wirst nicht erfahren, dass ich hier war, deine Fotos betrachtet habe. Du wirst mich nie kennenlernen.

Unterschiedliche Welten; manchmal stehen sie im Weg. Ich schaue mich einfach nur um.

© rh

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Wenn ich die Worte hätt‘

Wenn ich die Worte hätt’,
dich zu berühren,
würd’ ich in Samt sie kleiden.
Ließ mich von ihrem Klange führen,
und zaubergleich
zu deiner Herzensliebe leiten.

Wenn ich die Worte hätt’,
dich zu berühren,
würd’ ich mit Bedacht sie geben.
Würd’ ihre Anmut in mir spüren
und zärtlich dir
ein Netz voll Liebe weben.

Wenn ich die Worte hätt’,
dich zu berühren,
würd’ sprengen ich die stumme Wand.
Würd’ freudig öffnen all die Türen
für dich und für der Liebe Band.

Doch sind die Worte mir entglitten,
weil ich den Mut nicht fand.
Ängstlich, still zurückgeschritten
doch stets den Blick dir zugewandt.

So muss ich wohl dein Herz berühren
durch meiner Augen Zauberkraft.
Soll dich ihr Strahlen sicher führen
durchs Feuer, das in mir entfacht.

Magst du lebendig, kraftvoll und mit Mut
mit mir nun dieses Feuer schüren,
bedarf’s der Worte nicht, nur der Glut,
und Herzen dürfen sich berühren.

© rh

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Milchkaffee

Ich denke an Karin, die erste Liebe auf meinem Weg. Es folgten einige Lieben und viele Wege.

Lieben wollen geliebt werden, dafür sind sie da. Wege wollen gegangen werden, dafür sind sie da.

Vor mir steht der Milchkaffee. Nur das Bild einer Kaffeebohne prangt auf der Tasse. Keine Kuh weit und breit. Ich lächele kurz. Früchte wollen geerntet werden, denke ich, dafür sind sie da. Kühe wollen gemolken werden, dafür sind sie da.

Ich gehe jetzt auch weg. Soll sie ihren Milchkaffee selbst zahlen.

© rh

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Steh auf und geh!

Sie haben dich gerettet. Nach mehr als acht Stunden stellten sich diese schrecklichen Magenschmerzen als Herzinfarkt heraus, als Hinterwandinfarkt. Der Schmerz ist vorüber. Du spürst nicht einmal, dass da etwas war. Zwei Stents wurden gesetzt, das Blut fließt wieder. Ein Herzkranzgefäß konnte nicht geöffnet werden, muss sich schon vor langer Zeit geschlossen haben. Eine Bypass-Operation raten sie dir.

Und du fragst dich nach dem Sinn. Der Infarkt zeigte dir deutlich, du bildest keine Ausnahme, auch du bist sterblich. Und du fragst dich nach dem Sinn, spürst die Angst in dir. Nicht die Angst vor dem Tod, sondern die Angst, alles zu verlieren, die Angst, jede Erinnerung ausgelöscht zu bekommen. Und du fragst nach dem Sinn.

Ein halbes Jahr später kommt die Bypass-Operation. Diesmal ist der Schmerz nicht vorüber. Nur langsam lernst du wieder ein paar Treppen zu steigen. Sie bereiteten dich nicht ausreichend darauf vor. Wenn du einen weißen Arztkittel siehst, steigen die Tränen hoch, du kannst es nicht verhindern, sie kommen ungefragt. Und du fragst dich nach dem Sinn. Wie viele Lebensjahre rechtfertigen diesen Eingriff. Du wirst gehen müssen, irgendwann. Vielleicht morgen, vielleicht in ein paar Jahren. Man gewährte dir noch etwas Zeit.

„Es war nur ein leichter Infarkt. Man sieht ihn kaum. Damit können Sie locker noch über zwanzig Jahre leben“, sagten sie dir. Und du leidest so sehr, dass du mit dieser Zeit nichts anfangen kannst, sie aber auch nicht hergeben möchtest.

Und du fragst dich nach dem Sinn.

Und eines Morgens wachst du auf und die Sonne scheint. Sie scheint wieder, auch für dich. Und du erkennst, dass du der Zeit ihren eigenen Sinn geben musst.: „Steh auf und geh!“

© rh

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Die Depressionsinsel

Heute trage ich sie zu Grabe. Heute, am Karfreitag, beende ich ihre Daseinsberechtigung. Gestern schon, als ich mir zugestand, dass ich mir ein neues Fahrrad wert sein darf, zeichnete sich ihr Ende ab.

Jahrelang leistete sie mir gute Dienste, war immer für mich da, wenn das Leben mit seinen Wogen über mich herein brach, mir mit Verletzung oder gar dem frühen Tod drohte. Sie richtete mich scheinbar auf, wenn ich Ablehnung erfuhr. Sie hüllte mich geborgen ein und verlangte mir kein Handeln ab.

Sie nährte meine Verlustfantasie, rechtfertigte die Dunkelheit um mich herum, die verschlampte Couch, die Schokoladenflecken, meine Fettleibigkeit und das nach Abwasch schreiende Geschirr in der Küche. Sie sorgte für mein schlechtes Gewissen, das mich stets wieder zu ihr führte. Sie war schneller als jedes Selbstwertgefühl, das in mir hochstieg, machte mir einerseits meine Winzigkeit bewusst und katapultierte mich andererseits nach jeder scheinbaren Niederlage in den Größenwahn. Hier war ich Opfer, hier durfte ich sein: auf meiner Depressionsinsel.

Ich trage sie heute zu Grabe und mit ihr das Opfer mit seinen Verlustfantasien. Dankbar gebe ich ihr das letzte Geleit. Sie zeigte mir die Schatten, ließ mich überleben. Sie stirbt für mich, als Vorbereitung auf die Lebendigkeit, die durch ihren Tod nun in mir auferstehen kann.

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Beziehungslos

Weshalb ich denn in keiner Beziehung lebe, wollte eine Frau wissen.
Weil mir die Frauen alle davongelaufen seien, antwortete ich.
Weshalb denn, fragte mich die Frau weiter.
Ich wisse es nicht, sagte ich ihr.
Das glaube sie nicht, meinte sie, drehte sich um und lief davon.

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Blödes Spiel

Manchmal lerne ich Menschen kennen, die ihre Bestimmung oder ihre Berufung im Leben offensichtlich gefunden haben. Da lächelt mich die Marktfrau an, der man überhaupt nicht ansieht, dass sie schon seit drei Uhr morgens auf den Beinen ist. Abends kommt der Pizzabote, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat.

Und da bin eben ich mit hängenden Mundwinkel, fast erschlagen von soviel Fremdzufriedenheit. Auch ich kannte einmal das Gefühl, endlich angekommen zu sein, vergaß dann jedoch, weiter zu gehen. Und jetzt renne ich meiner Bestimmung hinterher. Blödes Spiel…

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Die Abenteuertapete

Mit staunenden Augen muss ich geschaut haben, als mein Vater die große Wand im Wohnzimmer tapezierte: Eine ganze Wand voll mit Segelschiffen, die schnurstracks in ihre kleinen Fischerhäfen einliefen. Die Abenddämmerung lag über den Häfen und mir war als könne ich zwischen den Fischerhäuschen und den Segelschiffen spazieren gehen.

In den Wintermonaten lag ich oft auf unserer Wohnzimmercouch, eingehüllt in die behagliche Wärme des eisernen Kohleofens in der Zimmerecke, der stets dafür sorgte, einen klitzekleinen Geruch von verbranntem Feuerholz und Russpartikeln in meine zehnjährige Nase ziehen zu lassen und betrachtete die neue Tapete. Im Geborgensein der Nachmittagsstille lud sie mich ein, in eines ihrer aufgedruckten Boote zu steigen, Abenteuer zu ersinnen um dann endlich müde, aber zufrieden wieder in einem der stillen Häfen vor Anker zu gehen. Doch meistens war ich schon eingeschlafen, bevor mein Segler den Heimathafen erreicht hatte.

Meine Abenteuertapete musste irgendwann einer Mustertapete mit bunten Kringeln weichen. Und so wagte ich meinen Ausblick hinaus in die große, weite Welt nicht selten durch einen Roman aus der Leihbücherei, in dessen fabulöse Handlung ich dann stets versank, wenn ich nachmittags nach der Schule auf meiner Couch ruhte. Doch schon nach dem Genuss einiger Seiten in dieser anderen Realität, begannen sich meine Augenlider dann zu senken und ich driftete mit geschlossenen Augen in eine meiner vielen Phantasiegeschichten ab, deren Ausgang ich nur sehr selten erlebte. Meistens schlief ich schon zu Beginn meiner Phantasterei entspannt und zufrieden ein.

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Fesselnde Angst

Vorrübergehend außer Gefecht gesetzt. Vorrübergehend, weil es ja wieder besser werden kann. Alles bleibt  außen vor, abgeschottet von der Welt, zurückgezogen in sich selbst mag er nur entfliehen. 

 

Diese verdammten Tabletten, ein ganzes Chemiewerk, was er da täglich in sich hineinstopfen  muss. Der Nutzen überwiegt die Nebenwirkungen, meint der Arzt. Wieder diese Schmerzen, den Weg bahnend für die Angst, die ihn gefangen hält. Je mehr er entfliehen will desto stärker kreisen die Gedanken um diese Angst, fokussieren sie, machen sie mächtig und groß bis sie seinen Körper kontrolliert.

 

Diese vielen Ratschläge. Nach vorne schauen, die Zukunft gestalten. Und er spürt diese Fesseln, die das Wissen am Handeln hindern und weiß nicht, wann er sich die angelegt hat. So invalid, so versehrt fühlt  er sich nach diesem Eingriff, so vollkommen ohne Einfluss,  so unvorbereitet hart konfrontiert mit seiner  Endlichkeit.

 

Aufstehen, sagt er sich, aktiv werden, nach vorne schauen und  Licht erzeugen in dem Grau, an das er sich klammert, weil Grau immer noch lebendiger ist als tot. 

 

Nichts ist mehr wie früher. Ein  Herzinfarkt und vor allem die  Bypass-Operation bringt ihm die Sorglosigkeit der Vergangenheit nicht wieder zurück. Da war jemand in seinem  Körper und damit lebt er nun, zumindest heute.

 

© rh

 

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