Edelstein und niemals Kiesel sein

Mauschelt, mauschelt

mauschelt doch. –

Die Herde schützt ihr Wasserloch.

Es wirkt oft krampfhaft einstudiert,

wer gebildet Bildung definiert.

 

Ich denke,

Kiesel werden niemals artenreich,

das Flussbett macht sie alle gleich.

 

Vom hohen Anspruch bin ich nicht besessen,

habe geträumt und werde nicht vergessen,

wie ich fragend angetreten bin:

was macht mich frei, was gibt mir Sinn?

 

Ich wollte Edelstein

und niemals Kiesel sein.

 

Rolf Höge

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(Aus: „Wenn Worte berühren  – lebendige Gedichte“ ISBN 978-3-748520-38-2)

 

 

Herr Maier

Herr Maier kümmerte sich nicht um die große Politik, ja sie war ihm eigentlich vollkommen egal. Maier wusste nur, dass er keine Arbeit bekam und die Herrschaften auf ihn herabblickten. Meistens gab es zuhause für ihn, die Frau und die Kinder nur eine dünne Suppe aus dem Rest vom harten Brot.

Dann bekam Herr Maier plötzlich eine Arbeit im Straßenbau und ging abends zu Versammlungen. Sie klopften ihm auf die Schulter dort und man gab ihm das Gefühl, wertvoll zu sein, etwas ganz Besonderes zu sein, herrschaftlich, schon durch seine Abstammung. Und diese Abstammung musste man pflegen, man durfte sie sich nicht nehmen lassen, sonst verliere man seine Heimat, seine Identität.

Sie gaben Herrn Maier dann auch eine Uniform, mit der er sich stolz auf der Straße zeigte und die er auch beim Mittagessen am Sonntag nicht auszog, wenn jetzt schon einmal etwas Bratenfleisch auf dem Tisch stand.

Stolz war er, der Herr Maier. Und zuschlagen konnte er, wenn man seine Abstammung nicht würdigte und seine Identität gefährdet war.

Und er sang, der Herr Maier, wie das Blut vom Messer spritzen solle und dass man marschiert, auch wenn alles in Scherben fällt. Und er schrie nach Kanonen, lautstark und so, dass sich seine Stimme fast überschlug, als das Volk die Butter ablehnte und sich für Haubitzen entschied.

Und dann zog er hinaus in die Welt. Und dann kam er zurück, der Herr Maier, abgemagert, verdreckt, missbraucht mit müden Augen und stummen Blick.

Und nachts in seinen angstverzerrten Nächten fragten ihn die Überfallenen, die Geschändeten, die Gefolterten und Ermordeten, die Vergasten nach dem Warum.

Aber Herr Maier hatte sich nie um die große Politik gekümmert, ja sie war ihm eigentlich egal gewesen.

Und er reihte sich ein in die lange, fast endlose Reihe der Unwissenden, damit er wieder schlafen konnte, der Herr Maier.

© Rolf Höge