ER war’s

Aus der Serie „Bekloppt und doch kein Schnitzel“

ER war’s.

Er kam von weit her und wollte sie fangen. Sie, die mit ihrem dummen Geschwätze die Wahrheit verschweigen. Dort aus dem fernen Lande kam er gelaufen, um sie zu sehen, jene, die mit ihren blinden Augen die Wahrheit nicht sehen wollen.

Sie selbst aber standen bereit, ihn zu töten. Die Messer waren geschliffen und sie gierten nach dem Blut, das bald fließen sollte.

Da kam er von rechts nach links herangesaust, die Zähne so fest aufeinander gebissen, dass sie es alle krachen hörten. Den anderen, die bis auf die Zähne bewaffnet waren, schien es, als wolle er ihrer Bewaffnung die Grundlage entziehen.

So brach der erste Schneidezahn ab, der zweite Zahn brach ab und endlich hatte er sich auf seinen Kiefer durchgebissen. Oh, es war herrlich, diese Beißerei! Dann wackelte er verdächtig langsam mit dem Kopf, hob seinen rechten Fuß etwas an und ließ ihn gekonnt wieder sinken.

Alle hatten es gesehen. Alle starrten ihn an. Und als sei diese Beißerei noch nicht genug auf seinem Weg zum Sieg, tat er noch das einzig Mögliche, um der blutrünstigen Meute ihre Gefährlichkeit zu nehmen:

Ganz, ganz langsam fuhr er sich mit dem Zeigefinger der linken Hand ins rechte Ohr, spitzte die Lippen, säuselte ein kaum vernehmbares „Tschiiiiit“ – und zog den Zeigefinger, als schon niemand mehr daran glaubte, in Windeseile wieder aus dem Ohr heraus.

Jetzt hatte er gewonnen! Die Massen jubelten ihm zu. Ohne Zähne und mit dümmlichen Blick ließ er sich auf ihren Schultern hinweg tragen. – Weit weg. So weit, dass sie ihn auf eine Art und Weise aus den Augen verloren, wie sie sonst nur ihre Tränen aus eben jenen Augen verlieren.

Bis heute hat ihn niemand mehr gesehen. Was blieb, ist seine Legende.

Und noch heute, wenn man nicht mehr so genau weiß, wer etwas bestimmtes getan oder eben nicht getan hat, sagt man: „ER war’s!“

Lumbalila in der Hand der Todesvögel

Über dem schwarz bemalten Sonnendach des Erzgebirges kreisen die riesigen Vögel der Lüfte. Ihr furchterregendes Schreien bringt die heiße Sommerluft der Arktis in Schwingung. Die wenigen Menschen, die sich noch in Lumbalila befinden, erleben die unheilvolle Stunde der Wahrheit. Denn wahr ist, was tatsächlich ist und tatsächlich ist die Wahrheit wahr.

Ein blonder, blauäugiger Lumbalilaner versucht gerade einen Wasserschlauch an einem Überflurhydranten anzubringen, als Tom Duli mit verstörtem Blick um die Ecke schaut.

„Was willst du mit dem Schlauche, sprich!“
„Die Stadt von Hydranten befreien!“

Doch da stürzt sich schon der erste Riesengreifvogel mit markerschütterndem Geschrei in die Tiefe, um sein erstes Opfer zu erhaschen. Seine messerscharfen Krallen hacken tief in die linke Schulter des Lumbalilaners, der das Unfassliche kaum fassen kann.

Entsetzen brüllt von seinen Lippen, als er sich mit unheimlicher Stärke in die Höhe gezogen fühlt. Und ganz leise beginnt er ein Liedchen zu singen:

„Wenn das Rot meine Lippen verlässt…“

Mit dem rechten Arm versucht der Blonde den Todesvogel zu vertreiben, aber das satanische Vieh hält den jungen Mann unerbittlich in den Klauen fest. Da öffnet der junge Lumbalilaner die Augen und erblickt seinen Psychoanalytiker. Dieser lächelt ihm freundlich zu. Seine sanfte Stimme mahnt zur Ruhe.

„Ups“, spricht der Psychokumpel, „lassen wir das so im Raum stehen oder soll Vater mit dem Eimer kommen, weil der Hund die Glocke nicht hört?“

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