Religion und Spiritualität

Ich bin kein religiöser Mensch. Ich denke, Religion wurde von Menschen erfunden und für Menschen gemacht. Religion benötigt für seine Existenz ein Regelwerk in Form von Ritualen und Verhaltensanweisungen. Religion versucht, den Grund menschlichen Daseins zu erklären, nicht zu untersuchen. Religion fragt nicht nach dem Sinn, Religion liefert den Sinn. Und für viele ist es genau das, was sie in ihrem Leben suchen: eine Antwort auf die Frage, was der Sinn des Lebens sei. Vor diesem Hintergrund erfüllt jede Religion für ihre jeweiligen Anhänger ihren Zweck, wenn sie dem religiösen Bild zusätzlich Lebensmodelle hinzufügt, nach denen die Gläubigen ihrem Glauben entsprechen können, und wenn sie das menschliche Bedürfnis nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit bedient.

Die Frage nach der Existenz eines Gottes wird aus der jeweiligen Religion heraus regelmäßig bejaht, wobei grundsätzlich die konkrete oder abstrakte Vorstellung der Religionsgemeinschaft über das Gottesbild als Grundlage für die Beantwortung dieser Frage dient. Der Glaube daran wird eingefordert, das Nichtglauben mit Konsequenzen belegt.

Kürzlich fragte ich meinen Sohn, der sich zur Evangelischen Feikirche zählt, ob er denn tatsächlich an Gott glaube. Ja, antwortete er, er sei davon überzeugt. Ob er denn an diesen Gott Abrahams glaube, wie er in der Bibel beschrieben ist, an den himmlischen Vater, wollte ich dann weiter wissen. Ja, bezeugte er. Ich erklärte ihm, dass es mir absolut unverständlich ist, wie jemand an ein Wesen außerhalb seiner selbst glauben kann, das einen derartig stark ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex hat. Denn wie anders könne man es nennen, wenn der himmlische Vater von seinem geliebten Abraham verlangt, dass dieser den Sohn zur Schlachtbank führe, um Gott, dem gütigen Vater, seine Liebe zu beweisen. Das ist Nötigung, das ist Machtmissbrauch. An diesen biblischen Gott kann ich leider nicht glauben, auch wenn dieser Tausende von Jahren nach diesem Ereignis entschied, von nun an für die Christen ein gütiger, liebender Gott zu sein. Zumal der zur Erlösung gesandte Sohn erst im 4. Jahrhundert nach seiner Geburt vom römischen Kaiser, also von einer weltlichen Instanz, zum Sohn Gottes und diesem wesensgleich gekürt wurde.

Von der philosophischen Essenz her sehe ich mich eher dem traditionellen, ursprünglichen Buddhismus zugeneigt. Das hat zwei Gründe. Zum einen sucht der Buddhismus nicht nach dem Sinn des Lebens und liefert dazu auch keine Erklärung ab. Nach der Überlieferung suchte Buddha die Gründe für die Entstehung allen Leids und die Lösung für die Auflösung allen Leids. Zusammengefasst kann man sagen, dass alles Leid durch den Menschen entsteht und durch diesen auch aufgelöst werden kann. Da gibt es nichts außerhalb des Menschen selbst, das steuert oder regelt. Zum anderen machte Buddha, sofern man der Überlieferung glauben kann, aus seinen Erkenntnissen keine Glaubensfrage. Er forderte seine Anhänger nicht auf, ihm zu glauben, sondern riet ihnen, seine Erkenntnis durch eigenes Erleben, durch eigene Erfahrung zu überprüfen. Ein weiterer Grund für die Unterscheidung zwischen klassischem Buddhismus und Religion, ist die Frage des Gebets. Ein Buddhist betet nicht zu irgend etwas oder zu irgend jemandem außerhalb von ihm. Ein Buddhist geht in die Kontemplation, er meditiert über eine Fragestellung, ein Thema.

Doch wie ich oben schon geschrieben habe: der Mensch hat ein Bedürfnis nach Gemeinschaft, nach Zugehörigkeit. Er möchte die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet haben, er sucht nach Sinn für sein Dasein. Und so wurde aus dem ursprünglichen Buddhismus schnell eine Religion mit allen Facetten: mit Geistern der Verstorbenen, mit Gebetsmühlen, mit Wiedergeburten, mit so ziemlich allem, was zu einer waschechten Religion dazu gehört, inklusive Hierarchieebenen der Religionsführer und Unterdrückung des einfachen Volkes, worüber man in unserer westlichen Welt nicht viel wissen will, wenn es beispielsweise um die mittelalterlichen, menschenverachtenden Unterdrückungsmethoden durch tibetische Lamas geht.

Doch trotz allem bin ich ein spiritueller Mensch. Nein, kein Esoteriker. Esoterik und Spiritualität kommt für mich nur in den seltensten Fällen zusammen. Esoterik ist ein riesengroßer, legitimer Wirtschaftsmarkt mit einem Milliarden-Umsatz jährlich allein in Deutschland, mit der großen Zielgruppe der Sinnsuchenden, der Fragenden. Auch wenn Buchverlage dazu übergehen, ihre Produkte immer weniger als Esoterik zu klassifizieren, sondern in der Rubrik Lebenshilfe oder Spiritualität einzuordnen, hat das mit der Spiritualität wie ich sie für mich definiere nicht viel zu tun. Und wenn die liebe Gerda aus D-Stadt sich über eine Telefon-Hotline ihre Zukunftsfragen beantworten lässt, hat Gerda wohl eher ein Problem mit sich selbst als mit ihren Lebensumständen. Nur weiß sie das in der Regel nicht und insofern ist auch das okay.

Für mich liegt der erste Schritt des Erfahrens der eigenen Spiritualität darin, zu erkennen, dass es eine Wahrheit gibt. Nicht mehr und nicht weniger. Ich tue hier nun dasselbe, was Religionen tun, wenn sie die Schöpfung ‚Gott’ nennen. Ich gebe dem, was ist, einen Namen, etikettiere es und nenne es „Wahrheit“. Und Wahrheit ist alles, was ist. Nicht mehr und nicht weniger. Ich möchte erklären, was ich damit meine und was es für mich bedeutet.

Noch zu Anfang des Mittelalters galt der Donner während eines Gewitters für die Menschen damals als ein Ausdruck des Zornes Gottes. Selbst meine Mutter sprach noch in den 1950ern Jahren davon, dass der liebe Gott sich ärgere und es deshalb draußen blitze und krache. Heute weiß man, dass der Donner dadurch entsteht, dass sich aufgeheizte Luft in einem Blitzkanal schnell ausdehnt, die Luft in Schwingung versetzt und dadurch den Knall verursacht. Für uns hörbar, weil die Schwingung der Luft auf einen Resonanzboden in Form unserer Trommelfelle trifft. Das ist eine Wahrheit. Diese Wahrheit ist aber nicht erst seit der Erforschung des Gewitters entstanden. Diese Wahrheit war schon immer da. Diese Wahrheit existiert und wird weiter existieren.

Was für mich nun die ganze Sache spirituell macht, in Form von Wahrhaftigkeit, wird vielleicht durch die folgende, spannendere Feststellung noch deutlicher:

Wenn ich meinen Daumen betrachte, so ist dieser Daumen zwar ein Teil von mir, aber ich bin nicht mein Daumen. Nimmt man von meinem Daumen eine DNA – Probe, so findet man darin alle Informationen, die meinen Daumen eben einen Daumen sein lassen. Aber man findet in dieser Probe auch alle Informationen, um mich als Mensch komplett nachbauen zu können und eben nicht nur meinen Daumen. Gehen wir hinunter zu meinem kleinen Zeh, finden wir dort dasselbe Phänomen: alle Informationen, damit mein kleiner Zeh zu einem kleinen Zeh werden konnte, aber auch alle Informationen, um mich komplett nachzubauen. Eine Art Gesetzmäßigkeit, die nicht erst seit der Entdeckung der DNA existiert. Eine Wahrheit, die schon immer war, die ist und sein wird. Eine schöpferische Wahrheit, die nichts fordert, nichts verlangt, die keine Glaubensbekenntnisse aufstellt. Eine schöpferische Wahrheit, die für sich gesehen neutral ist und einfach existiert.

Zu Erkennen, dass es eine grundlegende Wahrheit gibt, die wir durch unsere Forschungen in manchen Bereichen aufgedeckt haben und in anderen Bereichen eben noch nicht, ist für mich der Beginn eines spirituellen Pfades. Jedes auch noch so kleine In-Berührung-Kommen mit dieser Wahrheit, dieser Wahrhaftigkeit, sei es durch Forschung und Entdeckung, durch Kontemplation, durch Meditation ist für mich ein spirituelles Highlight.

Diese Wahrhaftigkeit einem Glaubenssystem einzuordnen oder es mit dem abgelutschten Etikett ‚Gott’ zu versehen, macht sie zu einem Konstrukt, beraubt sie ihrer Neutralität und entzieht ihr aus meiner Sicht jeden schöpferischen Aspekt.

Vielleicht ist der eine oder andere Leser geneigt, mir meine Spiritualität abzuerkennen, weil er das, was ich hier schreibe so ganz und gar nicht spirituell betrachten kann, fehlt doch irgendwie der religiöse, verklärende, mystische Bezug. Nun, das ist für mich auch okay. Gestern gab es diesen Artikel noch nicht, nicht einmal die Absicht, einen solchen Artikel zu schreiben. Heute vormittag waren alle Sätze plötzlich vorhanden, nicht über einen einzigen Satz musste ich nachdenken. Ich schrieb es einfach auf, und es mag ja durchaus sein, dass ich mich irre und nach meinem Tod vollkommen erstaunt sein werde, auf diesen christlichen Gott zu treffen. Dann wird er sich allerdings ein paar Fragen von mir zu der Nötigung von Abraham gefallen lassen müssen. Bis dahin…

© rh

Außer mit dieser Art von Artikeln in meinem blog, befasse ich mich auch mit dem Schreiben von Lyrik und Kurzgeschichten. Sofern Sie sich dafür interessieren, besuchen Sie doch meine Homepage „Meine Schreibe…“

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Autor: Rolf Höge

Dieses Blog begleitet meine Homepage www.rolf-hoege.de - Laienautor nenne ich mich hier, weil ich nicht vorrangig professionell schreibe und damit Geld verdiene, sondern eher als Laie meine Texte produziere und vorstelle, d.h. 'nicht professionell'. Wenn ich schreibe, male oder gestalte, bin ich in Kontakt mit mir und dem, was in mir ist. Ich erlebe dies als etwas sehr Persönliches, Eigenes und ich bin durchaus geneigt, diese Prozesse als meine individuelle, spirituelle Erfahrung zu bezeichnen. Ich bin Mitglied im Literarischen Zentrum Mannheim "Die Räuber 77", Mitglied in der Künstlergruppe "fx - fundus artifex", Mitglied im "Künstlerverein Bürstadt".

6 Kommentare zu „Religion und Spiritualität“

  1. Hallo Rolf,

    viele Worte …

    Du schreibst:
    ___Zitat:___
    Religion benötigt für seine Existenz ein Regelwerk in Form von Ritualen und Verhaltensanweisungen. Religion versucht, den Grund menschlichen Daseins zu erklären, nicht zu untersuchen. Religion fragt nicht nach dem Sinn, Religion liefert den Sinn.
    ___Zitat Ende___

    Religion benötigt für seine Existenz kein Regelwerk – Religion IST ein Regelwerk und zwar eines, das aus der Sicht der jeweiligen Religion zu einer Gotteserfahrung führt. Religionen wurden nie erfunden sondern begründet und spiegeln deshalb immer auch den Weg des Gründers wieder. Ein wenig mehr Präzision hätte deinem Artikel gut getan, finde ich … 🙂

    Was unterscheidet nun einen Religionsanhänger von jemandem, der sich keiner Religion zugehörig fühlt? Ich würde behaupten, durch nichts! Jeder erfährt wovon er überzeugt ist – so gesehen gibt es eigentlich nur Religionen … eben auch solche, die sich „keine Religion“ nennen.

    Du führst Rede für das „was ist“ was wiederum deinem Gottbegriff entspricht, eine Erfahrung, die deiner Erkenntnis entstammt – ist also per se das genau Gleiche wie eine Religion, die aus den Erkenntnisgewinnen ihres Gründers entstammen. So what?

    Kritisch wird es immer nur, wenn eine Religion sich anschickt, andere Religionen zu bewerten und als nutzlos oder, schlimmer, als Teufelswerk zu verunglimpfen.

    Was eine Religion wirklich taugt, kann im Grunde nur jemand wirklich beurteilen, der diesen Weg ernsthaft und TATsächlich gegangen ist – mit voller Absicht und aller Konsequenz. Ich habe tiefsten Respekt vor so einem Menschen – zu welchen Erfahrungen oder Erkenntnissen auch immer er gekommen sein mag.

    My 2€ct

    Raimund

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  2. Hallo Raimund,

    du kannst dir meines Respektes gegenüber religiösen Menschen sicher sein.

    Zitat: „Religion benötigt für seine Existenz kein Regelwerk – Religion IST ein Regelwerk und zwar eines, das aus der Sicht der jeweiligen Religion zu einer Gotteserfahrung führt. Zitat-Ende.

    Darüber kann mann herrlich unterschiedlicher Meinung sein. Aus der Sicht meiner „Nicht-Religion“, die kein Regelwerk hat, ist eine spirituelle Erfahrung, ein In-Kontakt-Kommen auch ohne ‚geistige Führung‘ oder Relegwerk möglich.

    Zitat:“ Du führst Rede für das „was ist“ was wiederum deinem Gottbegriff entspricht, eine Erfahrung, die deiner Erkenntnis entstammt – ist also per se das genau Gleiche wie eine Religion, die aus den Erkenntnisgewinnen ihres Gründers entstammen.“ Zitat-Ende

    Zum einen weise ich in meinem Artikel ausdrücklich darauf hin, dass ich allein durch die Begrifflichkeit „Wahrheit“ oder „Alles, was ist“ etikettiere zum anderen schließe ich ja die Ähnlichkeit bzw. sogar die Übereinstimmung zum Gottbegriff überhaupt nicht aus. Eine Religion wird daraus aber für mich per se nicht. Eine Religion würde es aus meiner Sicht dann werden, wenn ich sagen würde „Seht her, diese Erkenntis konnte ich aus meinem Weg gewinnen. Geht ihr denselben Weg, kommt ihr zur selben Erfahrung. Dafür tut dies und tut jenes, benutzt dieses oder jenes Ritual…“ – Damit schaffe ich Nicht-Wissende, damit schaffe ich Gefolgschaft, damit schaffe – oder um in deiner Sprache zu bleiben – begründe ich Religion.

    Ich weiß, dass ich für mich auf meinem Weg und mit meiner Auffassung eben meine spirituellen Erfahrungen mache. Nicht mehr und nicht weniger. Ich schließe nicht aus, das andere auf anderen Wegen, in und durch Religionen ihre Erfahrungen machen und zu ihren Erkenntnissen gelangen. Für mich ist jeder Weg, den ein Mensch zurücklegt, ein Ausdruck seiner Spiritualität.

    Ich denke nicht, dass wir da mit unseren Auffassungen so weit auseinander liegen. Lediglich das Thema „Religion“ sehe ich vollkommen anders als du. Weshalb wusste ich das vorher? -)

    Was die Präzision anbelangt: das ist ein blog, kein Buch-)

    Nach wie vor sehe ich mich als spirituellen Menschen, nicht aber als einen religiösen Menschen im Sinne der großen Weltreligionen, im Sinne von Konfession. Betrachten wir jedoch lediglich den Wortstamm ‚religio‘ nähern wir uns mit unseren Auffassung wieder an.

    Viele Grüße
    Rolf-)

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  3. ___Zitat___

    Für mich liegt der erste Schritt des Erfahrens der eigenen Spiritualität darin, zu erkennen, dass es eine Wahrheit gibt.

    ___Zitat Ende___

    Also braucht es einen ersten Schritt UND eine daraus folgende Erkenntnis … wenn das kein Regelwerk ist, muss ich meine Sprachkenntnisse noch mal neu überprüfen … 😉

    Im übrigen, in Kluges Etymologischen Wörterbuch ist „Religion“ als „Glaubenslehre“ bezeichnet (Im Frühneuhochdeutschen entlehnt aus religio […] auch „gewissenhafte Berücksichtigung, Sorgfalt“) … was ebenfalls auf dein o.g. Zitat zutrifft. Also eben doch eine Religion … 😉

    Für mich ist es völlig in Ordnung, wenn jemand eine Abneigung gg. Religionen hat – aus welchen Gründen auch immer. Es ist halt nur schade, das ich bis jetzt noch keine gehaltvollen Argumente gg. Religionen im Allgemeinen entdecken konnte. … ich werd‘ wohl damit leben müssen. … 😉

    So long, mein Freund 🙂

    PS: Schon klar, dass du (der Sicherheit wegen?) Wahrheit als „Etikett“ einführst – aber nicht ohne gleich zu erklären, was es bedeutet – obwohl ja Etikette gar keine Bedeutung haben sondern auf solche hinweisen. So gesehen ist aus deinem Etikett schon wieder ein Fundament geworden, das jetzt nur noch Etikett heißt … 😉

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  4. Für mich ist nicht ganz nachvollziehbar, wie man aus einem ersten Schritt und der daraus folgenden Erkenntnis auf ein „religiöses“ Regelwerk schließen kann.

    Weshalb diese Verteidigung der ‚Religion‘. Ich greife nicht an. Ich erlebe mich selbst nicht als religiöser Mensch in dem Sinne, wie ICH Religion verstehe. Auch denke ich, dass es eine fundierte Definition des Begriffes ‚Religion‘ nicht gibt. Aus dem Wortstamm ‚religio- rückbinden‘ schufen Religionsstifter die ‚Glaubenslehre‘ und damit Religion.

    Für mich ist es völlig in Ordnung, wenn jemand eine bestimmte Religionszugehörigkeit hat – aus welchen Gründen auch immer. Es ist halt nur schade, das ich bis jetzt noch keine gehaltvollen Argumente FÜR Religionen im Allgemeinen entdecken konnte. … ich werd‘ wohl damit leben müssen. … 😉

    Im Übrigen polarisiere ich nicht, trenne ich nicht in „Hier Religion – da Spiritualität“. Auch wenn ich beispielsweise nicht viel mit der katholischen Kirche am Hut habe, so gesteh ich einem Mönch (und natürlich auch anderen Menschen) durchaus zu, dass er in seinem Glaubenssystem und mit dem Regelwerk seiner Religion Gotteserfahrungen hat und seiner Spiritualität Ausdruck verleiht. Natürlich ist ein religiöses Leben immer auch Ausdruck einer bestimmten, individuellen Spiritualität. Natürlich lässt ein religiöses Leben Gotteserfahrungen zu. Aber ein spirituelels Leben ohne Religion eben auch.

    Für mich gilt nach wie vor: ich betrachte mich nicht als religiöser Mensch. Ich habe eine andere Auffassung von ‚Religion‘. Und diese Auffassung kann ein religiöser Mensch mit mir nicht teilen, weil er eine andere Wahrnehmung hat. Ebenso wenig kann ich seine Wahrnehmung teilen. Genau deshalb ist auch eine ‚gehaltvolle Argumentation‘ darüber beidseitig nicht möglich. Das war aber auch nicht die Absicht meines Artikels.

    Ich erlebe mich als spirituellen Menschen, mit individuellen Erfahrungen, mit individuellen Erkenntnissen, die mich auf einem individuellen Weg (auch über die Religion und die Esoterik) dorthin geführt haben, wo ich heute stehe. Das ist die Art wie ich mich erfahre. Ich kann durchaus eine alte Kirche als spirituellen Kraftort wahrnehmen, mich tief berühren lassen, ohne dieser Religionsgemeinschaft beizutreten. Ich kann Reiki als energetisches Arbeiten interpretieren und die ‚Regeln‘ für sinnvoll erachten, ohne Esoteriker zu sein oder daraus eine Religion zu machen. Ich kann durchaus die Huna-Prinzipien als sinngebend und nachvollziehbar betrachten, ohne gleich einer Naturreligion angehören zu wollen oder ständig in Ober- und Unterwelten zu reisen, weil sich das für Schamanen so gehört. Ich kann sogar Steiner, Blavatzky und anderen neohinduistischen Gruppierungen etwas abgewinnen, wenn es nicht gar so „schräg“ daher kommt, ohne mich dabei zu einer Religion bekennen zu müssen oder einem Führer zu folgen.

    Nein, ich habe mit dem Etikett ‚Wahrheit‘ keine „Sicherung“ eingebaut. Weil die Erkenntnis, die ich anspreche, für mich eben KEINE Religion darstellt und weil es mir nicht um Richtig oder Falsch geht. Es ist die Art, wie ich mich erfahre. Ob jemand die ‚Wahrheit‘ erfährt, Gott erfährt, sich selbst als Seele erfährt…das alles sind für mich Wortspielereien. Letzendlich ist es die individuelle Erfahrung, die ein einzelner macht. Und aus meiner Erfahrung, meinem Weltbild, meines Weges heraus brauche ich FÜR MICH dazu keine Religion.

    Deine Religiösität oder deine Zugehörigkeit zu deiner Religionsgemeinschaft ist ein Ausdruck deiner Spiritualität. Das ist doch okay. Für mich ist es eben meine Nicht-Religiösität.

    Heute Mittag sagte mir eine liebe Freundin, die ich sehr schätze, mit Überzeugung, dass Religion nicht von Menschen komme, sondern von den Engeln geschickt wurde. Sie erfährt sich eben so … So what?

    Trotz allem eine interessante Diskussion.

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  5. Geben wir dem Etikett also einen Namen: Nennen wir es ‚Gott‘, nennen wir es ‚das Ding an sich‘, nennen wir es ‚Schöpfung‘, nennen wir es ‚Universelle Energie‘, nennen wir es ‚allumfassende Wahrheit‘, nennen wir es ‚Alles was ist‘ …. das ist doch Schnuppe.

    Ich kann ‚glauben‘, ‚erfahren‘, dieses ‚Etikett‘ seinem Wesen und seiner Wirkung nach als existent betrachten, OHNE dass ich dazu eine Religion, eine Religionsgemeinschaft, einen Religionsstifter, einen Reiligionsführer benötige. Ich kann glauben, ohne einer Konfession oder einer Religionsgemeinschaft anzugehören. Glauben und Religion sind für mich eben NICHT untrennbar verbunden. Auch wenn das für Angehörige einer Religionsgemeinschaft offensichtlich nicht diskutierbar ist.

    Hier in Auszügen ein Kommentar zu meinem Artikel aus einem anderen Forum, der zeigt, wie mein Artikel auch anders verstanden werden kann und auf Zustimmung stößt:

    Zitat: “ Rolf, deine Ausführungen laden ein zu weiterem Nachdenken – Religion ist Opium fürs Volk, wusste schließlich schon Marx. … Von Spiritualität war in Zusammenhang mit Religion ursprünglich nicht die Rede.

    Für mich stellt sich Religion als dominierende und dominieren wollende Kraft dar, die von Menschen für Menschen gemacht wurde und ihnen aufoktruieren will, was sie zu tun und zu lassen, schlimmer noch: zu denken und zu fühlen haben. Religion maßt sich an zu entscheiden über Gut und Böse, Richtig und Falsch. Wobei jede Religion gerade auf diesem Gebiet für sich den alleinigen Rechtmäßigkeitsanspruch erhebt.“ – Zitat -Ende:

    Das entspricht auch meiner Auffassung. Dieses „Alles was ist“ ist neutral, hat keine Lieblinge. Und ich spreche von „Religion“ ohne Unterscheidung in „gute Religion“, „schlechte Religion“.

    Weiter geht es:

    Zitat: „Spiritualität hingegen fordert den Menschen auf und heraus, nach einer Wahrheit jenseits aller religiösen Doktrin zu suchen, nach einer Wahrheit, die nicht durch Ideologien verklärt oder verteufelt werden kann.“ – Zitat Ende.

    Deckt sich mit wiederum mit meiner Auffassung und bedeutet für mich auch: Religion kann Teil eines spirituellen Weges sein, muss aber nicht der alleinige Schlüssel zur Wahrheit sein.

    Warum schließen sich Menschen einer Religionsgemeinschaft an? – Weil dort für sie aus ihrer Wahrnehmung heraus der Schlüssel ist. – Warum bleiben andere Reiligionsgemeinschaften fern? – Weil sie dort für sich keinen Schlüssel wahrnehmen. – Das ist doch beides okay.

    Für mich bleibt bei all dem vollkommen unbenommen, dass jede Religion allein durch Lehre, interne Hierarchien, Initiationen, Regularien usw, allein dadurch, dass sie von Menschen gelebt wird, bereits den Keim zur Dominanz in sich trägt. Wie gesagt: Ohne Unterscheidung in gute oder schlechte Religion.

    So, und nun werde ich mich wieder dem eigentlichen Zweck meines blogs zuwenden, der da ist: auf „Meine Schreibe…“ aufmerksam zu machen-)

    Gruß Rolf

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