Vom Oben und vom Unten

„Du meinst also, ich sehe etwas herunter gekommen aus.“ fragte Manuel und lächelte Daniel von der Seite her an. Sie hatten sich beide ins Gras gesetzt.
„So erscheinst du mir – ja.“ antwortete Daniel. “ Würde ich einfach in Hosen herum laufen, die mir in den Kniekehlen hängen und beim Gehen mit den Füßen über den Boden schlürfen, hätte ich zuhause gleich den größten Ärger am Hals. Obwohl – du scheinst dich damit ganz wohl zu fühlen.“
„Lass uns doch bei der Aussage ‚herunter gekommen‘ bleiben.“ beharrte Manuel und blickte fast verträumt in die Ferne. „Das würde doch bedeuten, dass ich zuvor irgendwo und auf irgendetwas oben sein gemusst hätte, oder ?“
„He? Das verstehe ich nicht“ erwiderte Daniel. „Keine Ahnung, was du meinst.“
„Nun, manchmal werden schon unverständliche Dinge in den Tag geplappert. Ich kann doch nur herunter kommen, wenn ich zuvor oben bin.“
„Mensch, das sagt man halt so. Ist ne Redewendung oder so was. Mehr nicht.“
„Das sagt man eben nicht nur so!“ lächelte nun Manuel. „Wer das so sagt, hat oft eine ganz eigene Vorstellung davon, was oben ist.“
„Hm,“ machte Daniel, „kann schon sein. Du hast vielleicht verdrehte Überlegungen.“
„Die sind nicht verdreht. Die sind logisch.“
„Aha.“ Daniel grinste.
„Darf ich dir eine Frage stellen, Daniel?“
„Sicher doch.“
„Nun, wer bestimmt eigentlich, wer oder was oben ist ?“
„Derjenige, der den anderen als ‚herunter gekommen‘ betrachtet ?“
„Genau.“
„Hm.“ meinte Daniel und blickte ernst vor sich hin.
„Es könnte aber auch ganz anders sein.“ fuhr Manuel fort.
„Na wie denn?“
„Vielleicht, dass Leute, die so etwas sagen, selbst unten sind. Und die Heruntergekommenen sind zu ihnen herunter gekommen.“
Für einen Moment schwiegen die beiden Jugendlichen. Daniel schnippte mit der Hand ein kleines Aststückchen achtlos zur Seite. Eigentlich hatte er sich nicht viel dabei gedacht, als er Manuel zu verstehen gab, er wirke in seiner schmuddeligen Kleidung und mit seiner lässigen Art, sich zu bewegen, wohl etwas herunter gekommen. Aber was Manuel jetzt dazu von sich gab, war ja nicht von der Hand zu weisen. Manchmal spricht man etwas aus, ohne sich bewusst zu sein, auf welche Weise man sich eigentlich eine Meinung über andere bildet. Manuel hatte ihm hier eine ganz schöne Denkaufgabe verpasst.
„Weißt du was?“ sprach er ihn an. „Ich glaube es gibt kein oben und unten.“
„Sondern?“
„Alle Menschen haben das Recht, so zu sein wie sie sind. Wir werden alle auf die selbe Art und Weise geboren. Erst danach sagen uns Eltern, Lehrer, das Fernsehen und viele andere Erwachsene wie unterschiedlich wir doch seien. Und dann gibt es plötzlich ein Oben und Unten. Das ist nun meine Logik.“
„Und wie denkst du, könnten wir das vermeiden ?“ fragte Manuel.
„Einfach indem wir miteinander reden und akzeptieren, dass jeder die Welt aus seinen Augen sieht.“
„Das hast du schön gesagt.“ lächelte Manuel und warf seine Baseballmütze in die Luft.

© rh

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Autor: Rolf Höge

Dieses Blog begleitet meine Homepage www.rolf-hoege.de - Laienautor nenne ich mich hier, weil ich nicht vorrangig professionell schreibe und damit Geld verdiene, sondern eher als Laie meine Texte produziere und vorstelle, d.h. 'nicht professionell'. Wenn ich schreibe, male oder gestalte, bin ich in Kontakt mit mir und dem, was in mir ist. Ich erlebe dies als etwas sehr Persönliches, Eigenes und ich bin durchaus geneigt, diese Prozesse als meine individuelle, spirituelle Erfahrung zu bezeichnen. Ich bin Mitglied im Literarischen Zentrum Mannheim "Die Räuber 77", Mitglied in der Künstlergruppe "fx - fundus artifex", Mitglied im "Künstlerverein Bürstadt".

3 Kommentare zu „Vom Oben und vom Unten“

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