Buddhismus und Erbsünde gehen nicht konform

Kürzlich schrieb in einem Forum ein bekennender Buddhist folgenden Satz, durch den er einerseits Toleranz für das bedingungslose Glauben einforderte und andererseits jegliches Urteilen, jegliches Bewerten als sündhaft darstellen wollte:
„Das Urteilen an sich, also das Unterscheiden zwischen Gut und Böse, richtig und falsch, wahr und unwahr, kann als die eigentliche Erbsünde verstanden werden…“ Er führte weiter aus, man solle anstatt Kritik zu üben, besser schweigen und tolerieren. Es sei der Weg heraus aus der Erbsünde.

Schweigen mit dem Verweis auf „Toleranz“ ist oft der Deckmantel für fehlende Zivilcourage. Gegenüber rechtsradikalen Parolen bin ich beispielsweise aufs Höchste intolerant und respektlos und es fällt mir äußerst schwer, hier einen Weg des Schweigens gehen zu wollen. Aber das sind Extreme und mir geht es in diesem Beitrag darum, meine Überlegungen mitzuteilen, weshalb der Buddhismus aus meiner Sicht keineswegs die „Toleranz um jeden Preis“ proklamiert.

Wir leben in einer Welt der Polaritäten. Demzufolge hat „Pro“ ebenso seine Berechtigung wie „Contra“. Und manchmal zeugt es gerade gegenüber Andersdenkender von Respekt, ihnen zu widersprechen, die Diskussion zu suchen. Toleranz meint nicht, den Widerspruch zu vermeiden, sondern den anderen in seiner Einzigartigkeit zu erkennen und zu respektieren. Ebenfalls einmal „platt“ ausgedrückt: „ihn so zu lassen, wie er ist“.

Die buddhistische Lehre fordert geradezu auf, den Widerspruch zu suchen, in dem sie eben anders als die christliche Lehre nicht auf dem „Glauben“ basiert. So wie der Kommunist Lenin einmal sagte „Glauben heißt: nicht wissen“, so forderte Buddha Tausende von Jahren zuvor seine Anhänger sogar explizit auf, ihm „nicht zu glauben“, sondern selbst zu erleben, selbst zu erfahren. –

Selbst zu „erfahren“, zu „erleben“ geht aber – wie bei einem Kind – auch immer einher mit Entwicklung. Das Kind lernt und erfährt nicht einfach, in dem es ‚glaubt‘ der Herd sei heiß, sondern in dem es genau das in Frage stellt und es ausprobiert. Es urteilt, bewertet, verwirft, sucht den Widerspruch. Niemand käme jetzt auf die Idee anzunehmen, das Kind wäre gegenüber den Eltern intolerant.

Dem Kind diesen „Weg“, diese Erfahrung zu lassen, ist respektvoll und tolerant gegenüber seiner Entwicklungsstufe. Das Kind „schuldig“ zu sprechen, weil es nicht „allein an das Wort“ geglaubt hat, eher eine Sache von Religion und Kirche. Belassen wir die Erbsünde also getrost in dieser Ecke. Insofern widerspreche ich also diesem Satz: „Das Urteilen an sich, also das Unterscheiden zwischen Gut und Böse, richtig und falsch, wahr und unwahr, kann als die eigentliche Erbsünde verstanden werden…“

Das Erreichen des reinen Seins mag ein erstrebenswerter Zustand für Buddhisten sein, mit dem sich dann auch das Urteilen und Bewerten auflöst, doch sollte man bedenken, dass jeder, der einen solchen Satz wie den obigen ausspricht, eben urteilt und bewertet. Das ist aber keinesfalls sündhaft! Die Auflösung von Zeit und Raum zu erreichen, ist in unserem Hiersein allenfalls in der Meditation für den Bruchteil einer Sekunde nach langen Jahren der Übung möglich. Wir leben nun mal in Polaritäten. Die Auflösung von Polaritäten im Hier und Jetzt als erreichenswerter Zustand zu proklamieren, setzt wiederum einen polarisierenden und alles andere als toleranten Ansatz voraus, weil eine solche Aussage geprägt ist von „erreichen wollen“.

In der Leere gibt es aber nichts zu erreichen, ebenso wenig wie es in der Leere Toleranz gibt. In Nichts ist nichts.

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Autor: Rolf Höge

Dieses Blog begleitet meine Homepage www.rolf-hoege.de - Laienautor nenne ich mich hier, weil ich nicht vorrangig professionell schreibe und damit Geld verdiene, sondern eher als Laie meine Texte produziere und vorstelle, d.h. 'nicht professionell'. Wenn ich schreibe, male oder gestalte, bin ich in Kontakt mit mir und dem, was in mir ist. Ich erlebe dies als etwas sehr Persönliches, Eigenes und ich bin durchaus geneigt, diese Prozesse als meine individuelle, spirituelle Erfahrung zu bezeichnen. Ich bin Mitglied im Literarischen Zentrum Mannheim "Die Räuber 77", Mitglied in der Künstlergruppe "fx - fundus artifex", Mitglied im "Künstlerverein Bürstadt".

4 Kommentare zu „Buddhismus und Erbsünde gehen nicht konform“

  1. „Wenn es irgendwelche Götter gibt, deren Hauptanliegen der Mensch ist, so können es keine sehr bedeutenden Götter sein.“

    Arthur C. Clarke

    Götter sind durch Schöpfungsmythen und deren gegenständlich-naive Fehlinterpretationen im kollektiv Unbewussten eines Kulturvolkes einprogrammierte, künstliche Archetypen, um das arbeitende Volk durch selektive geistige Blindheit (geistige Beschneidung von Untertanen) an eine noch fehlerhafte Makroökonomie und die daraus resultierende systemische Ungerechtigkeit anzupassen. Der elementare Erkenntnisprozess, um sich dieser Programmierung bewusst zu werden, nennt sich Auferstehung (aus der religiösen Verblendung):

    http://www.deweles.de/files/apokalypse.pdf

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