Halt mich

http://data7.blog.de/media/962/6252962_e19c569f62_v.mpgUnd wenn ich dann manchmal in meinem kleinen Wohnzimmer vor dem PC sitze und von der Welt dort draußen träume, kann es geschehen, dass mir dann so ein Songtext einfällt. Hier das Video und darunter der Text zum mitlesen:

Halt mich

Ich habe das Unten gesehen
und ich habe das Oben berührt
und es immer geschafft,
nie ganz einzutauchen
in das Leben,
das so viele
für sich so angenommen haben..

Halt mich!
Halt mich fest,
ich brauche dich.
Einfach,
um stark zu sein
und um stark zu bleiben,.

Der Sturm meines Lebens
hat sich schon lange gelegt
Ich kenne fast alles,
hab’ so viel schon erlebt.

Aber endlich hatte ich begriffen,
ich kann das Leben nur spüren,
wenn ich mittendrin bin.
Nicht, wenn ich am Rande stehe
und nur mitschwebe
in diesem Spiel,
das ich Leben nenne.
Wenn ich teilhaben will,
muss ich teilnehmen,

Halt mich!
Ich brauche dich.

Denn das Leben spielt sich genau mittendrin ab,
zwischen Oben und Unten

Und ich frage mich,
ob ich noch einmal von vorne beginnen soll.
Denn ich weiß ja, ich kann es,
jederzeit,
jederzeit!
Aber kann ich es auch jetzt?

Lass mich noch einmal eintauchen,
eintauchen in das Leben,
um einfach nur
spüren zu können,
dass ich bin

Komm,
halt mich fest.
Ich brauche dich.
Ich brauche dich,
halt mich fest.

© rh

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Buddhismus und Erbsünde gehen nicht konform

Kürzlich schrieb in einem Forum ein bekennender Buddhist folgenden Satz, durch den er einerseits Toleranz für das bedingungslose Glauben einforderte und andererseits jegliches Urteilen, jegliches Bewerten als sündhaft darstellen wollte:
„Das Urteilen an sich, also das Unterscheiden zwischen Gut und Böse, richtig und falsch, wahr und unwahr, kann als die eigentliche Erbsünde verstanden werden…“ Er führte weiter aus, man solle anstatt Kritik zu üben, besser schweigen und tolerieren. Es sei der Weg heraus aus der Erbsünde.

Schweigen mit dem Verweis auf „Toleranz“ ist oft der Deckmantel für fehlende Zivilcourage. Gegenüber rechtsradikalen Parolen bin ich beispielsweise aufs Höchste intolerant und respektlos und es fällt mir äußerst schwer, hier einen Weg des Schweigens gehen zu wollen. Aber das sind Extreme und mir geht es in diesem Beitrag darum, meine Überlegungen mitzuteilen, weshalb der Buddhismus aus meiner Sicht keineswegs die „Toleranz um jeden Preis“ proklamiert.

Wir leben in einer Welt der Polaritäten. Demzufolge hat „Pro“ ebenso seine Berechtigung wie „Contra“. Und manchmal zeugt es gerade gegenüber Andersdenkender von Respekt, ihnen zu widersprechen, die Diskussion zu suchen. Toleranz meint nicht, den Widerspruch zu vermeiden, sondern den anderen in seiner Einzigartigkeit zu erkennen und zu respektieren. Ebenfalls einmal „platt“ ausgedrückt: „ihn so zu lassen, wie er ist“.

Die buddhistische Lehre fordert geradezu auf, den Widerspruch zu suchen, in dem sie eben anders als die christliche Lehre nicht auf dem „Glauben“ basiert. So wie der Kommunist Lenin einmal sagte „Glauben heißt: nicht wissen“, so forderte Buddha Tausende von Jahren zuvor seine Anhänger sogar explizit auf, ihm „nicht zu glauben“, sondern selbst zu erleben, selbst zu erfahren. –

Selbst zu „erfahren“, zu „erleben“ geht aber – wie bei einem Kind – auch immer einher mit Entwicklung. Das Kind lernt und erfährt nicht einfach, in dem es ‚glaubt‘ der Herd sei heiß, sondern in dem es genau das in Frage stellt und es ausprobiert. Es urteilt, bewertet, verwirft, sucht den Widerspruch. Niemand käme jetzt auf die Idee anzunehmen, das Kind wäre gegenüber den Eltern intolerant.

Dem Kind diesen „Weg“, diese Erfahrung zu lassen, ist respektvoll und tolerant gegenüber seiner Entwicklungsstufe. Das Kind „schuldig“ zu sprechen, weil es nicht „allein an das Wort“ geglaubt hat, eher eine Sache von Religion und Kirche. Belassen wir die Erbsünde also getrost in dieser Ecke. Insofern widerspreche ich also diesem Satz: „Das Urteilen an sich, also das Unterscheiden zwischen Gut und Böse, richtig und falsch, wahr und unwahr, kann als die eigentliche Erbsünde verstanden werden…“

Das Erreichen des reinen Seins mag ein erstrebenswerter Zustand für Buddhisten sein, mit dem sich dann auch das Urteilen und Bewerten auflöst, doch sollte man bedenken, dass jeder, der einen solchen Satz wie den obigen ausspricht, eben urteilt und bewertet. Das ist aber keinesfalls sündhaft! Die Auflösung von Zeit und Raum zu erreichen, ist in unserem Hiersein allenfalls in der Meditation für den Bruchteil einer Sekunde nach langen Jahren der Übung möglich. Wir leben nun mal in Polaritäten. Die Auflösung von Polaritäten im Hier und Jetzt als erreichenswerter Zustand zu proklamieren, setzt wiederum einen polarisierenden und alles andere als toleranten Ansatz voraus, weil eine solche Aussage geprägt ist von „erreichen wollen“.

In der Leere gibt es aber nichts zu erreichen, ebenso wenig wie es in der Leere Toleranz gibt. In Nichts ist nichts.

Vom Entdecken und vom Suchen

Vom Etdecken und vom Suchen (aus Quo vadis, Alki – hier leicht gestrafft)

Zum achten Geburtstag bekam ich ein Fahrrad geschenkt. Mein Freund Ramon, zwei Jahre älter als ich, besaß schon lange ein Rad, und gemeinsam fuhren wir von nun an fast jeden Nachmittag kreuz und quer durch unsere Wohngegend.

Dabei hatten wir ein Lieblingsspiel: mit den Fahrrädern bereisten wir die Welt. Wir fuhren einige Meter, stiegen dann ab und erkundeten das unbekannte Gebiet. Italien, Griechenland, ganz Europa, Asien und Amerika durchquerten wir und erlebten dabei die tollsten Abenteuer. So mancher Strauch, mancher Stein, ja selbst kleine Ameisen wurden in unser Spiel mit einbezogen.

Ramon war ein sogenanntes Schlüsselkind. Seine Eltern arbeiteten tagsüber und Ramon hatte den Schlüssel für die Wohnung.
Eines Tages, als wir gerade wieder unsere Abenteuer erlebten, rief mir Ramon mit zittriger Stimme zu:
„Ich habe meine Hausschlüssel verloren!“
Demonstrativ schob er den Zeigefinger durch das Loch in der Hosentasche. Aufgeregt beeilten wir uns, die ganze Strecke noch einmal abzufahren.

Doch nun schenkten wir den fernen Ländern, den Steinen oder den Ameisen keinerlei Beachtung. Wir waren einzig auf der Suche nach den Schlüsseln. Nichts gab es für uns zu entdecken. Endlich fanden wir nach einigen Tränen die Hausschlüssel, und damit auch den Unterschied zwischen einer Entdeckungsreise und einer Suche.

© rh

Er oben – ich unten

Aus meinem Buch: Trocken. Was nun?

ER OBEN – ICH UNTEN

Unzählige Gebete richtete ich an einen Gott, der nach meinem Verständnis irgendwo dort oben im Himmel leben musste, der nur „klick“ zu machen bräuchte und – schwupp – würde sich mein ganzes Leben verändert haben.
Die Gebete hatten alle denselben Inhalt: immer bat ich den ‚lieben Gott‘ darum, mich doch bitteschön nüchtern werden zu lassen. Meistens bat ich immer genau dann um seine Hilfe, wenn ich wieder einmal von einer ausgedehnten Zechtour nach Hause gekommen und besoffen in mein Bett oder, wenn es dafür nicht mehr gereicht hatte, auf meine Couch gefallen war.

So dachte ich und so lebte ich: ein Alkoholiker, dessen Frau ihn mit der kleinen Tochter bereits verlassen hatte, weil das Leben mit ihm unerträglich geworden war. Und so schloss sich an das bereits bekannte Gebet bald ein neues: „Herr, gib mir die Liebe meiner Frau zurück und lasse sie ihren Fehler erkennen. Verzeih‘ mir, damit auch meine Frau mir verzeihen und zu mir zurückkommen kann.“

Erst viele Jahre später wurde ich trocken. Und ich verbrachte weitere Jahre der Abstinenz damit, die Wirkungslosigkeit mei-ner damaligen Gebete zu hinterfragen. Die Antwort war ver-blüffend einfach: ich hatte versucht, Verantwortung für mein Leben an irgendjemanden da oben abzugeben, ohne selbst auch nur den kleinen Finger dafür zu rühren.

Ich möchte an dieser Stelle nicht erzählen, weshalb ich zum Alkoholiker wurde. Dafür gibt es sicher Tausende von Grün-den. Weder prägte mich ein schlechtes Elternhaus noch wuchs ich in einem Alkoholiker-Milieu auf. Und doch denke ich, mindestens ein Grund mag wohl darin gelegen haben, nicht ausreichend darauf vorbereitet worden zu sein, Verantwortung für mein eigenes Leben und für mein eigenes Glück zu übernehmen.
Wie oft gebe ich heute noch Verantwortung ab! – Wie oft seh-ne ich mich nach Nähe, ohne mich zu nähern. Wie oft mache ich die äußeren Umstände, andere Menschen, mein Gehalt, meinen Chef und, und, und… dafür verantwortlich, wenn in meinem Leben mal wieder etwas schief läuft!

Aber es gab einen Tag, an dem ich zum ersten Mal die volle Verantwortung für mich selbst übernahm, an dem ich nichts mehr ersehnte als alles Bisherige hinter mir zu lassen. Der Tag, an dem ich entschied, nie wieder Alkohol zu trinken. Hätte jemand behauptet, ich müsse erst zum Mond fliegen, um tro-cken zu werden, so hätte ich mir eine Rakete gebaut. Es war mir gleichgültig geworden, wie andere über mich dachten, ob ich meinen Arbeitsplatz durch die Therapie verlieren würde, ob dies einer Niederlage gleich käme oder nicht. So kam zu dem ursprünglichen Wunsch nicht mehr betrunken zu sein, endlich der Wille, auch etwas dafür zu tun. Und dieses Tun bestand zunächst einmal darin, das Glas stehen zu lassen.

Denn der Wunsch allein bedeutet etwa so viel wie „es wäre schön.“ Es wäre schön, Millionär zu sein. Es wäre schön, tun und lassen zu können, was man will. Es wäre schön, trocken zu sein.
Wir können darüber reden, über das „Trocken sein“, können darüber philosophieren, die Umstände beklagen, uns in die eigene Tasche lügen. Es hilft nicht. Wenn wir trinken, trinken wir. Wenn wir aufhören wollen, müssen wir Verantwortung übernehmen, etwas dafür tun: aufhören!

Ich weiß heute noch nicht, ob es einen Gott gibt. Schon gar nicht, ob es den einen Gott gibt. Aber wenn es ihn gibt, dann möchte ich heute noch einmal beten:

„Lieber Gott, wenn heute, morgen oder wann auch immer, ein Alkoholiker Dich bittet, Du mögest ihm helfen, dann warte ab! Warte bis aus dem Wunsch nicht mehr zu trinken, der Entschluss gewachsen ist, etwas dafür zu tun. Dann aber hilf ihm mit Deiner ganzen Kraft. Arbeite mit ihm zusammen, lasse ihn auch die kleinsten Erfolge erkennen. Hilf ihm, die Verantwortung für sich selbst zu tragen.“

(c) Rolf Höge

Vielleicht haben Sie Interesse an einer Autorenlesung? Dann besuchen Sie doch auch meine Homepage und lernen Sie auch andere Texte von mir aus dem Buch „Berührungen“ kennen.

Denkt doch was ihr wollt

denken –
an Weihnacht,
an dich,
an Auschwitz –
denken eben,
vereinzelt,
in Gruppen,
als Denker,
Andersdenker,
Umdenker,
Drandenker,
Wegdenker

und ich –
leergefühlt,
hinweg gedacht

und ihr –
denkt mich immer noch an.

© rh

Aus meiner Autorenlesung „Meine Schreibe…“